Wohnbau scheitert am Geruch

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Eine von sechs Geruchs-Emittentinnen rund ums vorerst gescheiterte Wohnprojekt Siemensstraße: die 2007 eingeweihte Sortieranlage des Stadtdienstleisters ESO.

Offenbach - Neuen Bewohnern kann nicht zugemutet werden, was sich an der Siemensstraße aus den Ausdünstungen diverser Firmen zusammenbraut. Von Thomas Kirstein

Ein Geruchs-Gutachter hat jetzt einen Strich durch die von der Stadt geförderten Pläne der Deutschen Reihenhaus AG gemacht, auf dem ehemaligen Gelände der Schuhfirma Tack 70 preiswerte Eigenheime zu errichten.

Damit ist der Bebauungsplans Nr. 633 „Wohngebiet östlich der Siemensstraße“ vorläufig hinfällig. Oberbürgermeister Horst Schneider muss sich erst einmal von seiner Fantasie verabschieden, dass das Gebiet nahe dem Betriebsgelände des Stadtdienstleiters ESO schon bald von jungen Familien bevölkert sein könnte.

Müllsortierhalle und Lackierereien müffeln

Ausschlaggebend für die aktuelle Entscheidung gegen das Bauvorhaben ist die von dem Experten errechnete Summe von sich ausbreitenden Gerüchen aus umliegenden Firmen, die Richtwerte überschreitet. Dort müffeln – für das Gewerbegebiet zulässig – Müllsortierhalle und Wertstoffhof des ESO sowie vier Lackierereien, darunter die der Mercedes-Benz-Niederlassung an der Daimlerstraße. „Bauliche Maßnahmen bei den emittierenden Betrieben zur Reduzierung der Immissionswerte sind mit hohen Kosten verbunden“, heißt es in einer städtischen Pressemitteilung. Soll heißen: Man kann über den Bebauungsplan die bereits ansässigen Firmen schlecht zu teuren Investitionen zwingen, bloß weil man dort gern auch Wohnbebauung hätte.

Fast schon tragisch für Stadt und jetzt verhinderte Bauherrin: Andere Hürden wurden bereits erfolgreich ausgeräumt; eine vom Regierungspräsidenten verhängte Siedlungsbeschränkung wegen der Lage unter der Einflugschneise war zu verhindern; dank eines Schallschutzkonzepts mit Mauer sollte der Lärm (Betriebe, Lastwagenverkehr, S-Bahn) kein Thema sein.

Das frühere Gewerbeareal liegt seit Jahren brach

Gegen den in der (vom Bauträger beauftragten) Expertise errechneten Geruch gibt es aber kein Mittel. Markus Eichberger, bei der Stadt Leiter des Bereichs Stadtentwicklung und Städtebau, betont, dass die Belastung in der Summe über den Grenzwerten liege. Dabei sei nicht die tatsächliche Emission maßgebend, sondern was Betrieben genehmigt wurde. Die jetzige Entscheidung, den B-Plan auszusetzen, wurde nach der Anhörung der sogenannten Träger öffentlicher Belange getroffen. Während dieses Verfahrens werden die Fachebenen von Land und Regierungspräsidium um Stellungnahmen gebeten.

Das frühere Gewerbeareal liegt seit Jahren brach. Auf 1,9 der 3,4 Hektar sollten Reihenhäuser entstehen, für den Rest der Fläche hatte man sich die Ansiedlung von „nicht-störendem Gewerbe“ vorgestellt. Dass der Eigenbetrieb 2007 eine von den alteingesessenen Nachbarn heftig bekämpfte Abfallsortierhalle errichtete, war wohl solchen Plänen kaum förderlich. Die Stadt verabschiedet sich indes nicht ganz von ihren Wohnbau-Vorstellungen: „Künftige Änderungen sind möglich, beispielsweise nach einer Verlagerung von Mercedes-Benz oder des ESO-Betriebshofs.“ Mercedes verlässt Offenbach tatsächlich bis 2014, baut auf dem Frankfurter Kaiserlei-Teil neu. Beim Stadtbetrieb ESO allerdings gibt es nach Auskunft von Sprecher Oliver Gaksch momentan überhaupt keine Umzugs-Absichten.

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