Wohnen gegen das Alleinsein

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Haben die Idee von einem Leben in neuer Wohnform bereits erfolgreich umgesetzt: Die Bewohner des Mehrgenerationenhauses in der Weikertsblochstraße. Im Quartierssaal, auf der Dachterrasse, im bepflanzten Innenhof und auf den Laubengängen haben Alt und Jung die Möglichkeit zur Begegnung.

Offenbach ‐ Der Begriff Leben steht im Mittelpunkt von Vereinen wie „Lebenszeiten“ oder der Gemeinschaft „Lebenswert“, die sich für alternative Lebensformen und Mehrgenerationenhäuser stark machen. Von Katharina Platt

Ein anonymes Nebeneinanderwohnen kommt für die Mitglieder und Anhänger nicht infrage. Sie wünschen sich eine Gemeinschaft, in der sie gemeinsam leben und älter werden können. Vor allem Senioren sind es, die sich fragen, wie sie im Alter leben wollen. Alleine sein will niemand der bis zu 16 Menschen, die sich regelmäßig unter dem Motto „Lebenswert“ treffen und an einem Konzept für ein weiteres Mehrgenerationenhaus in Offenbach arbeiten.

Die konzeptionelle Grundlage für ihr Traumhaus soll bald schon fertig sein. „Wahrscheinlich wird es kein Neubau werden“, sagt Siegrun Hast-Leier von der Initiative. „Es soll ein Mietobjekt mit sozialem Schwerpunkt sein.“ Die Gruppe will sich aktiv im Stadtteil, in dem sie irgendwann leben wird, engagieren. Die Initiative wird von der Stadt und Bürgermeistern Birgit Simon unterstützt.

Gemeinschaftlich, aber altersgemischt

Als Vorbild dient der Wohnkomplex des Vereins „Lebenszeiten“ in der Weikertsblochstraße, der im Dezember 2007 bezogen wurde. Die Bewohner der 28 Wohnungen sind sich auch nach über zwei Jahren noch einig: Ihr Konzept ist aufgegangen. Die 48 Bewohner kennen sich, winken sich fröhlich zu, wenn sie einander im Hof oder auf den Laubengängen begegnen und unterstützen sich im Alltag. Gemeinsam wird der Rasen gepflegt und Unkraut gejätet. Wenn ein Bewohner Hilfe braucht, weiß er, wo er diese findet. Gemeinschaftliche Projekte sind freiwillig. Jeder ist mit seiner Meinung und mit seinen Ideen willkommen und gefragt.

Auf Initiative des Sozialdezernats der Stadt hat sich das Netzwerk „Runder Tisch für Wohninitiativen in Offenbach“ gegründet. Gleichgesinnte können hier Kontakte knüpfen und Erfahrungen teilen. Bauträger sowie Architekten finden Ansprechpartner. Einige Bauträger zeigten sich interessiert, berichtet Altenplanerin Heidi Weinrich, unter deren Federführung das Projekt entstand. „Gesellschaften müssen offen für die Ideen der Bewohner sein“, sagt sie. Die Projektbetreuerin kennt die Wünsche der etwa 40 Engagierten: „Die meisten wollen gemeinschaftlich, aber altersgemischt leben.“ Die meisten Interessierten seien älter als 50, doch auch junge Familien zeigten sich angetan. Auch Siegrun Hast-Leier von der Initiative „Lebenswert“ hat die Erfahrung gemacht, dass sich erst einmal mehr Ältere engagieren. „Später kommen aber Familien mit Kindern hinzu“, sagt sie.

Großfamilie ist schon lange Auslaufmodell

Ein Wohnkonzept, in dem sie selbstbestimmt und trotzdem nicht alleine leben, schwebt den meisten Teilnehmern des Runden Tischs vor. Etwa viermal jährlich trifft sich die Gruppe. Die Schwerpunkte der nächsten Treffen sind der Austausch mit Wohnungsbaugesellschaften und das Ausloten von Projektstandorten. Wer auf der Suche nach solch besonderen Wohnformen ist, kann Altenplanerin Heidi Weinrich fragen (Tel.: 069 80653296).

Dass Oma oder Opa im Alter zu ihren Kindern ziehen, ist heute eine Seltenheit. Die Großfamilie als Wohnform ist schon lange ein Auslaufmodell - dass Leben alleine allerdings auch. Dies hat nun offenbar auch die Politik erkannt. Die SPD etwa hat auf ihrem Unterbezirksparteitag beantragt, mehr Generationenhäuser im Stadtgebiet zu etablieren. Die Genossen in der Fraktion sollen sich im Parlament dafür einsetzen und entsprechende Initiativen unterstützen. „Wohnungsbaugesellschaften sollen aufgefordert werden, innovative Projekte umzusetzen. Ein solches Haus in möglichst jedem Stadtteil, das wünschen sich die SPD-Ortsvereine. „Die demografische Entwicklung verlangt nach alternativen Wohnformen“, heißt es im Antrag.

Auch die Grünen glauben an das Potenzial der Generationenhäuser. Die Fraktion will prüfen lassen, ob am Standort „An den Eichen“ ein solches entstehen könnte. „Ein Mehrgenerationenhaus (...) könnte als Ankerobjekt die Besiedlung und das Infrastrukturangebot im erheblichen Maße positiv beeinflussen“, so Edmund Flößer. Der Bedarf an weitern Häusern dieser Art sei ja nun nachweislich gegeben, schreibt die Partei.

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