Keine Chance in Offenbach?

Hohes Gehalt reicht nicht: Frau darf Fernseher nicht finanzieren - weil sie aus Offenbach kommt?

Ein Formular für eine Schufa-Bonitätsauskunft
+
Keine Chance in Offenbach? Der Wohnort ist ein umstrittenes Kriterium bei der Bewertung der Kreditwürdigkeit.

Eigentlich kann Marlene S. zufrieden aus Offenbach sein: 28 Jahre alt, fester Job in der IT-Branche, Jahreseinkommen mehr als 70 000 Euro. Eigentlich. Doch dann die Sache mit dem Fernseher: Wird ihr der Wohnort Offenbach nun zum Verhängnis?

  • Einer gut verdienenden jungen Frau wird die Finanzierung eines Fernsehers verwehrt.
  • Bei der Bewertung ihrer Kreditwürdigkeit erlebt sie einen Schock.
  • Wird der Wohnort Offenbach ihr finanziell zum Verhängnis?

Offenbach – „Ich stehe mitten im Leben – und gleichermaßen am Ende meiner Pläne“, bilanziert die Offenbacherin, die ihre Geschichte nicht unter ihrem richtigen Namen erzählen möchte.

350 Euro kostet das TV-Gerät, das sich Marlene S. kurz vor Weihnachten kaufen will. Eine Anschaffung, die sie sich locker leisten könnte. „Wieso aber soll ich das Geld auf einmal ausgeben, wenn ich den Fernseher auch bequem finanzieren kann?“, fragt sie sich. „Ich muss dazu sagen, dass ich noch nie etwas finanziert habe“, berichtet die junge Frau rückblickend. Sie habe immer nach dem Motto gelebt, wenn man etwas haben möchte, müsse man es sich auch leisten können. „Wenn das nicht funktioniert wird eben gespart, bis man es kaufen kann.“

Offenbach: Frau darf TV nicht finanzieren - weil sie aus Offenbach kommt?

Diesmal also eine Ausnahme. Vorsorglich nimmt Marlene S. ihre letzten drei Gehaltsabrechnungen mit, damit bei der Finanzierung auch nichts schief geht. Der Mitarbeiter des Elektronikfachmarkts nimmt freundlich ihre Daten auf und verschwindet für die Abfrage im Büro. Nach ein paar Minuten kommt er zurück und teilt ihr mit, dass die Bank sie abgelehnt habe. Den Grund dürfe er nicht nennen.

Verdutzt verlässt die 28-Jährige den Laden und recherchiert im Internet. Ein erstes Ergebnis: Ihre „Finanzfitness“ hat zwar den Status „hervorragend“, dennoch wird sie in Sachen Bonität „unterirdisch“ eingestuft“, wie sie berichtet.

Offenbach: Keine Finanzierung für TV-Gerät - Wohnort schuld?

Die Offenbacherin lässt nicht locker: „Schufa, Creditreform und Boniversum – überall holte ich Auskünfte ein. Alle wiesen den gleichen Score auf.“ Auf Rückfragen, woran es denn liegen könne, seien die häufigsten Antworten gewesen, entweder sie sei oft umgezogen oder ihr Wohnort sei schuld. Sie rätselt: „Ich wohne in Offenbach im Nordend und das sehr gerne. Muss ich mich nun damit abfinden, dass ich mir den falschen Wohnort ausgesucht habe? Oder, dass Menschen in dem Haus, in dem ich zur Miete wohne, tendenziell ihre Rechnungen zu spät zahlen, was mir doch wirklich herzlich egal sein darf, da ich immer pünktlich Rechnungen begleiche?“

Auf Kredit etwas zu kaufen, traut sich Marlene S. längst nicht mehr. Weil jede Anfrage sie im Scoring, also in der Klassifizierung, noch tiefer rutschen ließe. Die Finanzierung einer eigenen Immobilie – auch das gehörte zu ihrer Lebensplanung – sei für sie zu den üblichen Konditionen fast unmöglich. Ein Immobilien-Fachmann habe ihr erklärt: „In Bad Homburg ginge das alles problemlos. Aber mit dem Wohnort Offenbach hast du keine Chance. “

Offenbach: Frau darf TV nicht finanzieren - Das sagt Verbraucherzentrale

Ganz so eindeutig will das Marion Schmidt nicht formulieren. Sie berät bei der Verbraucherzentrale Hessen unter anderem Personen mit schlechten Werten beim Bonitätscheck. Am Beispiel der Schufa, der bekanntesten Auskunftei, macht sie deutlich, wie es läuft: Beim Scoring würden Alter und Wohnort einer Person ebenso mit einfließen wie etwa die Häufigkeit von Umzügen oder von Kreditanfragen. Auch die Anzahl der Konten und Kreditkarten könne ein Kriterium sein, wobei ein Zuviel ebenso das Rating negativ beeinflusse wie ein Zuwenig. „Was nicht mit die Bewertung fällt, das ist der Beruf“, erläutert Marion Schmidt.

Welche Gewichtung den einzelnen Faktoren zukomme, also auch, welche Rolle das Geo-Scoring, die Klassifizierung nach dem Wohnort oder der Nachbarschaft, spiele, sei unbekannt. „Das ist das Betriebsgeheimnis der Schufa. Sie darf das ebenso unter Verschluss halten wie Coca-Cola die Rezeptur der braunen Brause“, sagt die Verbraucherberaterin. Dazu gebe es sogar ein höchstrichterliches Urteil.

Offenbach: „Bonitätsprüfung ist immer Wahrscheinlichkeitsrechnung und ein Werturteil.“

Hinzu komme, dass jede Branche ein anderes Scoring habe. Banken hätten andere Faktoren im Blick als Telefonanbieter oder der Versandhandel. Die Bilanz der Expertin ist ernüchternd: „Eine Bonitätsprüfung ist immer eine Wahrscheinlichkeitsrechnung und damit letztlich auch immer ein Werturteil.“

Weil Geo-Scoring, das höchstwahrscheinlich auch die Kreditwürdigkeit von Offenbachern beeinflusst, umstritten ist, hat der Gesetzgeber eine Hürde eingebaut: Gemäß § 31 Bundesdatenschutzgesetz ist es zwar grundsätzlich zulässig, die Anschrift einer Person für die Bonitätsprüfung zu nutzen. Der Kunde, so die Vorschrift, muss jedoch davon in Kenntnis gesetzt werden.

Die Kritik an dem Verfahren verstummt dennoch nicht: Geo-Scoring berge die Gefahr einer „selbsterfüllenden Prophezeiung“, heißt es. Die Bewohner problematischer Wohnviertel würden schlechtere Konditionen am Markt bekommen als die Bewohner zahlungskräftigerer Stadtteile, was zu einem weiteren Absinken der Kaufkraft führe. Geo-Scoring trage somit zur Stigmatisierung ganzer Städte und Stadtteile bei. (VON MATTHIAS DAHMER)

Video: 100 Sekunden: Bonitätsbewertung

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare