Stadt will Grundstück verkaufen

Mehrgenerationenhaus: Opfer des Schutzschirms?

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Der Abriss der alten Wohnungen am Hessenring war für den Neubau des Mehrgenerationenhauses geplant. Nun steht das Grundstück für eine Million zum Verkauf.

Offenbach - Der Frust sitzt tief beim Verein Lebenswert. Sein Wohnprojekt Mehrgenerationenhaus steht vor dem Aus. Das Erbpachtgrundstück Hessenring 61, das die Stadt ihm für den Bau zugesichert hat, soll stattdessen gewinnbringend auf dem freien Markt verkauft werden. Von Veronika Szeherova

Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD) begründet dies mit dem durch den Schutzschirm auferlegten Sparzwang, der Offenbach verpflichte, Grundstücke zu veräußern. „Wir sind entsetzt und entrüstet“, sagt Beisitzer Ulrich Matthies zu Beginn einer Krisensitzung, zu der Mitglieder und Fraktionsvertreter geladen waren.

Seit sich die Gruppe im Jahr 2009 gegründet hat, widmen sich die 25 Mitglieder dem Ziel, ein zweites Mehrgenerationenhaus in Offenbach zu bauen. Das erste Wohnhaus dieser Art befindet sich an der Weikertsblochstraße und ist zu einem Offenbacher Vorzeigeprojekt geworden, das sogar Gäste aus Japan besucht haben. „Ein Leuchtturm“, lobte OB Schneider bei der Eröffnung.

Zukunftsweisende Wohnform

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Wohnen gegen das Alleinsein

Mieter sind Menschen aller Generationen, Familien, Singles, Paare. Ihre Beziehungen reichen über nachbarschaftliche Hilfe hinaus, die Angebote und Veranstaltungen des Hauses wirken sich positiv aufs ganze Viertel aus. Nach den „Wohnungspolitischen Leitlinien“ von 2011 sollte der Bau von Mehrgenerationenhäusern in jedem Stadtteil Offenbachs realisiert werden. Soziologen bezeichnen die Häuser im Hinblick auf den demografischen Wandel als zukunftsweisende Wohnform. Weitere Pflegeheime mit den entsprechenden Pflegekräften sind nicht finanzierbar. „Das zweite Mehrgenerationenwohnhaus in Offenbach ist kein Luxusprojekt, sondern eine strukturelle Notwendigkeit“, betont die kommunale Altenplanerin Heidi Weinrich.

Bis zur Baureife war die Planung vorangeschritten. Das 2600 Quadratmeter große Grundstück am Hessenring 61 wollte die Gemeinnützige Baugesellschaft Offenbach (GBO) als Erbpacht von der Stadt übernehmen, darauf das Haus bauen und an den Verein nach den guten Erfahrungen mit dem ersten Wohnprojekt vermieten. Geplant waren 28 Wohnungen und ein Quartiersaal. Das Haus auf dem Grundstück soll abgerissen werden. Die Seniorenwohnungen entsprechen nicht mehr heutigen Anforderungen; nahezu alle sind anderweitig vermietet.

Schneider habe Projekt stets seine Unterstützug zugesichert

Im September 2012 lag der GBO ein konkreter Architektenentwurf vor, im November beschloss ihr Aufsichtsrat den Wirtschaftsplan für 2013 mit dem ausdrücklichen Beschluss für den Bau des zweiten Mehrgenerationenhauses. Eine verbindliche Mietzusage gab der Verein Lebenswert im Dezember, verbunden mit einer Liste über den Wohnungsbedarf der Mieter.

„Die GBO hat große finanzielle Vorleistungen erbracht“, sagt Vereinskassierer Eckhart Kyrieleis. Schneider habe über alle Vorgänge und Kosten Bescheid gewusst, da er Vorsitzender des GBO-Aufsichtsrats ist. „Wenn der OB das Grundstück wegen ,lächerlicher‘ Erbpacht-Rendite lieber auf dem freien Markt verkauft, handelt er damit über die Köpfe der GBO-Geschäftsführung hinweg“, findet Kyrieleis. Das Vorhaben sei nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen berechnet worden, ohne jede Zuschüsse. Schneider habe dem Verein stets seine Unterstützung für das Projekt zugesichert.

Eine Million Euro soll der Verkauf einbringen

Bis zu jenem Januartag, als das Handy der Vereinsvorsitzenden Siegrun Hast-Leier klingelte. GBO-Geschäftsführer Winfried Männche teilte ihr die Entscheidung Schneiders mit, das Grundstück auf dem freien Markt zu verkaufen. „Das war wirklich sehr, sehr hart. Wir waren so wild darauf, mit der Arbeit zu beginnen.“ Eine Million Euro soll der Verkauf des Grundstücks einbringen. „Mit einem Federstrich sind vier Jahre Arbeit weggewischt“, empört sich Matthies. „Wer fängt denn noch ein Projekt in Offenbach an, wenn man sich nicht auf die Zusagen des OB verlassen kann?“

Die Fraktionsvertreter von CDU, SPD, Freien Wählern und Grünen sicherten dem Verein ihre Unterstützung zu. „Wir müssen dem OB andere Möglichkeiten anbieten“, sagte Annette Schroeder von der FWG. Welche es konkret sein könnten, sei gemeinsam zu besprechen; denkbar sei etwa ein Genossenschaftsmodell. Den Vorschlag des OB, den er der Gruppe bei einem Treffen unterbreitet hat, das Projekt im Luisenhof zu realisieren, lehnen die Mitglieder strikt ab. „Nochmal mit einem anderen Investor jahrelang zu planen, das überlebt unsere Gruppe nicht“, so die 2. Vorsitzende Gertrud Helduser.

Projekt ein Qualitätsmerkmal für die Stadt

Michael Weiland von der CDU stellte klar, dass der OB gar nicht allein über den Grundstücksverkauf entscheiden könne. „Verkäufe über 100.000 Euro bedürfen der Zustimmung der Stadtverordnetenversammlung.“

Peter Janat, seit 1997 im GBO-Aufsichtsrat, will das Thema bei dessen nächster Sitzung aufgreifen. „Es geht um das Ansehen einer großen städtischen Gesellschaft.“ Das Projekt sei ein Qualitätsmerkmal für die Stadt und bis ins Detail durchgeplant. „Für mich ist es nicht gestorben. Und wenn ich in die Runde schaue, kann das Grundstück sowieso nicht verkauft werden.“ Unter Beifall hielt das SPD-Mitglied ein selbstgeschriebenes Schild hoch: „Der Chef hat nicht immer Recht.“

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