Im Wohnzimmer für Arme

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Die Teestube bedeutet für täglich bis zu 50 Menschen vieles: Wärme, Essen, Familie.

Offenbach ‐ Es riecht nach Fischstäbchen und Pommes, an einem Tisch unterhalten sich mehrere Männer lautstark. Nebenan sitzt eine ältere Dame und strickt, eine junge Frau versorgt ihre beiden Kinder mit Tee und Brötchen. Es ist warm, es ist gemütlich, und der geschmückte Tannenbaum, die Bilder an der Wand und die Zimmerpflanzen verstärken die wohnliche Atmosphäre noch. Von Niels Britsch

Im Nebenraum steht eine einladende Couch und ein Mann schaut in die Glotze. In allen Winkeln der Teestube herrscht reger Verkehr, Menschen unterschiedlichsten Alters kommen und gehen, einigen sieht man die Strapazen eines harten Lebens auf der Straße an.

Die Einrichtung des Diakonischen Werks in der Gerberstraße 15 bietet Menschen ohne festen Wohnsitz tagsüber einen Aufenthaltsort. Hier können Obdachlose ihre Kleidung waschen und ihre Habseligkeiten in einem Spind wegschließen. Es gibt Duschen und Toiletten, eine Kleiderkammer. Wer hungrig ist, bleibt es nicht. Offenbacher Bäckereien spenden täglich Backwaren; zum Selbstkostenpreis ist warmes Essen zu haben.

Wir haben aber immer auch kostenlose Angebote“, erklärt Sozialarbeiterin Petra Heck. „Hierher kommen nicht nur Obdachlose, sondern auch Hartz  IV-Empfänger, Erwerbstätige, Rentner.“ Natürlich bemühe man sich besondern um die Wohnungslosen. Letztlich aber sei in „Offenbachs Wohnzimmer für Arme“ jeder Mensch willkommen.

Ziel: Leben auf der Straße erträglicher machen

Und es herrscht Selbstbestimmung. „Die Leute müssen nicht den Kontakt zu den Sozialarbeitern suchen. Wer Unterstützung braucht, kommt auf uns zu.“ Die Mitarbeiterinnen unterstützen auf Anfrage die Obdachlosen auf dem Weg aus der Wohnsitzlosigkeit, man missioniere die Betroffenen jedoch nicht zur Sesshaftigkeit. Vorrangiges Ziel sei, das Leben auf der Straße erträglicher zu machen. Täglich kommen etwa 50 Personen in die Teestube, die aktuelle Kältewelle mache sich nicht in den Besucherzahlen bemerkbar: „Unsere Stammgäste kommen, egal, ob es schneit oder die Sonne scheint.“

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Der 17-jährige Benjamin hat acht Monate auf der Straße gelebt. Inzwischen wohnt der Schüler wieder bei seinen Eltern, trotzdem kommt er weiterhin gerne in die Einrichtung. „Hier kann ich etwas essen, trinken und mich mit Freunden unterhalten.“ Auch sein Kumpel Carsten gehört zu den Stammgästen. Der 21-Jährige ist seit vier Jahren auf der Straße - in der momentanen Frostperiode übernachtet er allerdings bei Freunden: „Nachdem ich Scheiße gebaut hatte, hat meine Mutter mich damals rausgeschmissen.“ Hier finde er Unterstützung, Freunde, günstiges Essen. „Meine Post und mein Geld wird mir hierher geschickt und hier wird man immer gut aufgenommen.“

Bitte um Spenden

Dieter Emrich ist froh, dass es die Teestube gibt. Der 56-Jährige, Frührentner, trägt sein künstliches Herz in einem kleinen Koffer mit sich herum: „Mein Herz habe ich hier in der Tasche.“ Er weiß genau um die Wirkung seiner Worte. Er gehöre zum „harten Kern“ und sei fast jeden Tag da: „Ich komme hierher, weil mir sonst in meiner Wohnung die Decke auf den Kopf fällt. Wenn ich Heiligabend und Weihnachten alleine zu Hause verbracht hätte, das wäre grauenhaft für mich gewesen.“ Er schätze den Zusammenhalt der Menschen: „Wenn ich hier nicht auftauche, rufen mich die Jungs sofort an, ob alles in Ordnung ist. Die Not schweißt zusammen.“

In der Offenbacher Einrichtung kümmern sich nicht nur Sozialarbeiter um ihre Besucher. Es funktioniert auch andersherum. Die Klientel zeigt sich äußerst besorgt um das Wohlergehen der Mitarbeiter: „Frau Heck, ziehen Sie bitte eine Jacke an, wenn sie rausgehen, draußen ist es kalt!“ Während die Sozialarbeiterin den nachdrücklichen Aufforderungen widerwillig nachkommt, erklären Dieter, Benjamin und Carsten einhellig: „So müssen wir auf unsere Chefin achten, ohne sie läuft hier nämlich nichts!“

Wer helfen will, bekommt Informationen unter Tel.: 069 82977030.

Und damit auch die Besucher der Teestube unbeschadet durch den Winter kommen, bittet Petra Heck um Spenden für die Kleiderkammer: „Momentan brauchen wir natürlich vor allem Winterkleidung, aber auch Unterwäsche und Socken werden dringend benötigt.“

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