Mit „Womanpower“ und Ambitionen

+
Eine Herzensangelegenheit vollendet: Birgit Simon bei der Eröffnung der privaten Erasmusschule am Dreieichpark.

Offenbach - Seit drei Jahren ist sie die Frau Bürgermeisterin und nicht bloß ein bisschen stolz darauf. Birgit Simon sagt’s zwar nicht ausdrücklich, doch die Betonung, dass sie die erste Frau in diesem Offenbacher Amt sei, reicht aus, um zu erraten, welche Bedeutung die Position für die 52-jährige Grünen-Politikerin hat. Von Thomas Kirstein

Als Stellvertreterin des Oberbürgermeisters hat sie, 2006 vom Parlament gewählt, in diesen Monat ihre erste Halbzeit hinter sich.

Im vierköpfigen, SPD-Grün-FDP-besetzten, hauptamtlichen Magistrat ist sie aber die Dienstälteste. 2003 wurde die damalige Stabsstellenleiterin des Wetteraukreises Stadträtin mit der Funktion der Sozialdezernentin.

Sie folgte damals auf ihre glücklose Parteifreundin Ingrid Borretty, die ein willkommenes Feindbild für die Opposition abgab. Birgit Simon bleibt solches bislang erspart. Resolut und auch machtbewusst hat sie sich allgemeinen Respekt verschafft. Es geht die Sage, dass man im Rathaus mehr nach ihrer Pfeife tanzt, als es ihre Stellung vorsieht.

Nun hat sie die örtliche Presse eingeladen, um eine Bilanz ihrer bisherigenBürgermeisterinnenschaft vorzutragen, kommt dabei aber nicht umhin, auch die vorherigen drei Jahre zu streifen, die sie als einfache Stadträtin im Rathaus verbringen musste.

Frauengewalt

Birgit Simon zeichnet nicht nur für das Sozialwesen mit seinen Aspekten Arbeit, Jugend und Senioren verantwortlich, sie ist auch Dezernentin für Umwelt, Energie und Verkehr, der unter ihr zur „Mobilität“ geadelt wurde. Auch untersteht ihr die Frauenpolitik. Als ihr im Verlauf des Vortrags das Wort „Manpower“ (= Arbeitskraft) herausrutscht, korrigiert sie sich sofort: „Womanpower“. Und wenn man das allzu wörtlich mit „Frauengewalt“ übersetzt, darf man es getrost als Eigenschaft nehmen, die sie sich selbst zumisst.

Für die Zeitungsleute hat Birgit Simon vorbereitet, was ihr wichtig war, ist und sein wird. Unter ihrer Verantwortung - und auf ihren Druck hin auch gegen Widerstände aus der linken SPD-Ecke - hat sie durchgesetzt, dass an diesem Dienstag eine erste private Grundschule mit angeschlossenem Kindergarten in Offenbach eröffnete. Dass es inzwischen Ganztagsschulprojekte in der Stadt gibt, schreibt sie ebenso ihrem Einfluss zu wie die Verlagerung der Hortbetreuung an die Schulen.

Das Kindergartenwesen umgekrempelt

Sie hat ganz zweifellos das Kindergartenwesen umgekrempelt. Inzwischen sind für 92,3 Prozent der Offenbacher Kleinen Kindergartenplätze vorhanden. 2003, als sie anfing, waren es 75,6. Für die Erzieherinnen ist eine teure „Qualifizierungsinitiative“ eingeleitet, es gibt Betreuung in den Randzeiten.

Den Sozialetat zu entlasten, hat auch sie nicht geschafft. Das liege gar nicht in der Macht einer Gemeinde, sagt sie, es müssten schon andere wirtschaftliche Rahmenbedingungen her. Und da sieht sie eher schwarz: Von den derzeit rund 8000 Kurzarbeitern in der Stadt werden wohl nicht wenige bei einer Institution landen, für die Birgit Simon ebenfalls die städtische Verantwortung trägt.

Sie ist die Dezernentin für die „Main-Arbeit“, die gemeinsam von Stadt und Arbeitsagentur getragene Hartz-IV-GmbH. Birgit Simon gefällt nicht, wenn von Sozialkosten oder gar -lasten die Rede ist. Was in Offenbach nicht allein aufgrund gesetzlicher Vorgaben zum Bestreiten des Lebensunterhalts weitergegeben wird, sieht sie als Investition: Es müsse alles unternommen werden, damit künftige Generationen aus bislang unterstützten Familien nicht mehr von der Sozialhilfe abhängig würden.

Sozialromantik ist der allein erziehenden Mutter Birgit Simon fremd. Die bekannte Devise „fördern und fordern“ ist auch ihr Credo. Keiner werde mehr in Ruhe gelassen, sagt sie, jeder Jugendliche, der von Sozialhilfe lebe, werde schon in der Schulzeit angesprochen. Letztlich gelte es, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gewährleisten, Armut und Ausgrenzung zu bekämpfen.

Simon und die Kompetenzteams

Unter Simon arbeiten „Kompetenzteams“: für die Umwelt wie für die Integration von Einwanderern. Sie will die Entwicklung von problematischen Stadtteilen vorantreiben, analog der östlichen Innenstadt mit neuen Anlaufstellen in Lauterborn und im Nordend. Sie kümmert sich um Altentagesstätten und Angebote für ältere Menschen; den Aufbau der Pflegestützpunkte muss sie organisieren; neue gemeinschaftliche Wohnformen will sie entwickeln.

Bei allem lässt sich die Bürgermeisterin auch davon leiten, was sie von den Menschen hört. Seit September 2008 bietet sie Sprechtage an, bei denen es ebenso um persönliche Schicksale wie um Anregungen für die Stadt geht. Dass etwa die am Mainufer ankernden Lastschiffe ein Problem für die Luft sein können, weil sie tagelang ihre Diesel-Aggregate laufen lassen, hat die Umweltdezernentin erst von Bürgern erfahren.

Bis 2012 ist die in Freiburg aufgewachsene Birgit Simon als Bürgermeisterin gewählt. Die Kommunalwahl im März 2011 wird daran wenig ändern. Im Herbst steht dann die Direktwahl des Oberbürgermeisters an. Die Grüne hat bisher nicht dementiert, dass sie Ambitionen hätte.

Die Journalisten ersparen sich bei der Halbzeitbilanz eine ausweichende Antwort von ihr. Aber auf die Frage, ob sie sich die gleichen Aufgaben wie bisher zuteilen würde, wenn sie die Kompetenz dazu hätte - diese steht allein Oberbürgermeister(inne)n zu - entgegnet sie: Ja, wenn es denn irgendwann einen weiteren Grünen im Magistrat gäbe, dann wäre sie durchaus bereit, das Umweltressort abzugeben.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare