Woodstock in der Sandgasse

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Dr. Michael Koch (links) mit den Musikern von Martin Turners "Wishbone Ash". Die Altrocker haben vor allem in den 70er Jahren Konzerthallen und Stadien gefüllt.  

Offenbach ‐ Sie haben mehrere hunderttausend Menschen auf dem berühmten Woodstock-Festival begeistert, Jahrzehnte später macht es ihnen nichts aus, in Offenbach vor ein paar hundert Menschen aufzutreten: Zahlreiche Musiklegenden haben bereits im Kinder-, Jugend- und Kulturzentrum (KJK) in der Sandgasse 26 gespielt. Von Niels Britsch

Verantwortlich dafür sind Dr. Michael Koch und seine Frau Claudia Weigmann-Koch, leitende Pädagogen in der Offenbacher Einrichtung. Doch wie motiviert man alternde Musikstars dazu, in einem Offenbacher Jugendzentrum für einen Bruchteil der üblichen Gage aufzutreten? „Das hat sich durch private Kontakte zufällig ergeben“, sagt Michael Koch. Entscheidend sei, dass die Musiker von den Projekten der Einrichtung überzeugt seien.

Unter der Voraussetzung, dass die Erlöse in die soziale Arbeit fließen, ist die Stippvisite im KJK für viele Musiker zum Programm geworden. „Außerdem gefällt ihnen die familiäre Atmosphäre bei uns.“ Die Stars werden von den KJK-Mitarbeitern persönlich betreut und bekocht, der Kontakt zum Publikum ist schon aufgrund fehlender Sicherheitsleute persönlicher. „Diese Stimmung überträgt sich auf die Musiker.“

Wishbone Ash, The Animals, The Boomtown Rats

Während professionelle Veranstalter bei ihren Wunschkünstlern wegen eines Engagements anfragen müssen, werden die KJK-Pädagogen von den Musikern oder deren Management angerufen. „Wir könnten inzwischen jeden Monat ein großes Konzert ausrichten“, erzählt Claudia Weigmann-Koch. Dafür sei jedoch die Werbung zu viel Aufwand: „Die Plakate sind manchmal fast teurer als die Gage.“ Deswegen beschränke man sich auf maximal fünf große Konzerte im Jahr. Doch diese haben es in sich, denn dann kommen Weltstars nach Offenbach: Der bekannte Blues-Musiker Louisiana Red trat inzwischen bereits viermal im KJK auf - er war zufällig auf das Projekt aufmerksam geworden, weil die Frau seines Bassisten bei Koch studierte (der promovierte Erziehungswissenschaftler lehrte auch an der FH Frankfurt). Die Gruppe Canned Heat (der bekannteste Song ist „On the Road again“) ließ sich auch von einer fiebrigen Erkrankung nicht abhalten, auf die Bühne zu gehen. „Die Logistik war die Hölle für uns“, erzählt Koch. Das Management der Band weilte inkognito im Publikum und war so begeistert, dass es dem KJK einen Auftritt der Gruppe Ten Years After anbot, bei deren Konzert auch der Hessische Rundfung mitdrehte. Musiker und Gruppen wie Wishbone Ash, The Animals, The Boomtown Rats oder Alvin Youngblood Hart traten in der Offenbacher Kultureinrichtung auf.

Zu allen könnten die KJK-Pädagogen eine Geschichte erzählen: Drummer Carl Palmer (Emerson, Lake & Palmer) habe zwei Stunden lang den Sound seines Schlagzeugs gecheckt. „Das zeigt, er nimmt sich für 200 Gäste genau so viel Zeit wie für mehrere tausend Besucher größerer Konzerte und Festivals“, freut sich Koch.

Sämtliche Musiklegenden spielten für einen „Freundschaftspreis“, außerdem traten sie die Rechte an ihren Offenbacher Auftritten ab, so dass inzwischen sogar eine Musik-CD mit der Live-Musik aus dem KJK produziert wurde - der Erlös fließt in die Projekte.

Im Senegal Regierung in Schwierigkeiten gebracht

Das Kinder-, Jugend- und Kulturbüro im Sandweg gibt es erst seit 2001, doch bereits in den Vorgänger-Einrichtungen organisierten Michael und Claudia Koch Konzerte mit Nachwuchsbands und „Local Heroes“. Bei einem gemeinsamen Hip Hop-Projekt mit französischen Jugendlichen ergab sich der Kontakt mit der senegalesischen Rap-Combo „BMG 44“, die als erste bekanntere Gruppe in der Offenbacher Einrichtung auftrat.

„Im Senegal sind sie immerhin so berühmt, dass sie mit ihren Texten eine Regierung in Schwierigkeiten brachten“ erzählt Michael Koch. Während eines Musikprojekts mit Jugendlichen aus den USA entstand der Kontakt zu einer indianischen Punkgruppe vom Stamm der Navajos. Auch australischen Ureinwohner (Aborigines) haben schon in der Sandgasse musiziert.

Da sich bei den Konzerten von Legenden das Jugendhaus regelmäßig in ein Zentrum für die ältere Generation verwandelt, ist die Einrichtung nicht nur vom Namen her ein Mehrgenerationenhaus. „Eltern erfahren über ihre Kinder von uns und dem Konzertprogramm, umgekehrt wird der Nachwuchs von begeisterten Konzertbesuchern auf uns aufmerksam gemacht.“ Ob Hip-Hop-Jams, Punkerfestivals oder Rockkonzerte, das „Haus als Kulturort“ hat für jeden Geschmack und Menschen jeden Alters etwas zu bieten. Informationen und Programmhinweise gibt es auch auf der Internetseite des Kinder-, Jugend- und Kulturzentrums.

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