Mit Worscht und Witz durch die Republik

+
Ganz ohne Verspätung wegen Gleisarbeiten oder vereisten Oberleitungen reiste der „Sonderzug der Narren“ von Station zu Station. Die Sängerfreunde führten unter der musikalischen Leitung von Martin Höllenriegel durchs bunte Programm.

Offenbach ‐ Luftschlangen, Büttenreden, Schunkelmusik: Für manch einen mag sich das närrische Treiben der Vereine kaum unterscheiden. Für den aufmerksamen Beobachter erschließen sich jedoch Unterschiede. Von Katharina Platt

Die einen setzen auf politischen Witz, bei der Jugend wird getanzt und bei den Sängerfreunden gibt’s ... Fleischwurst. Ja, tatsächlich. Zu beobachten war dies bei ihrer Fastnachtssitzung im Else-Herrmann-Haus am Hessenring. Beim Ausmarsch des Offenbacher Prinzenpaares baumeln zwei (eingeschweißte) Fleischwurstringe vor der Brust der Tollitäten Matthias II. und Carolin I. Die abziehende OKV-Delegation bedankt sich. Der saftige Orden der Sängerfreunde sorge alljährlich dafür, dass das Prinzenpaar auf ihrem Weg von Sitzung zu Sitzung nicht verhungere.

Sitzungspresident der Sängerfreunde, Horst Werner, bietet dem „Duke of Accounting“ und der „Duchess of Tax-Consulting“ mütterlich noch ein Messer an, damit auf dem Weg sogleich genascht werden kann.

Aber nicht nur die Fleischwurst macht den Unterschied. Die Fastnachtssitzung der Sängerfreunde gehört zu den wenigen der Stadt, deren Programm ausschließlich von Vereinsmitgliedern gestaltet wird. Diese entführten ihre Gäste auf eine Reise von Offenbach über Hamburg und München nach Texas und wieder zurück. Als Schaffner begrüßte Horst Werner die Mitfahrer am Eingang.

Lacher und Rufe nach einer Zugabe

Unter diesen befand sich am Samstagabend auch eine junge Besucherin aus Seattle. Als Amerikanerin war der Dame bis dahin Fastnacht gänzlich unbekannt. Frei von jeglichen Vorurteilen und offen für den närrischen Wahnsinn beobachtete sie interessiert das bunte Treiben.

Mit tiefem Bass begrüßten die Sängerfreunde die Besucher in der Altentagesstätte. Gut behütet, mit Cowboyhut, bayerischem Trachtenhut mit Gamsbart oder Kapitänsmützen stimmten sie ihre Fans auf den Abend ein. Mit einem sanften „Tschuu, tschuu“ zu Pianoklängen setzte sich der „Sonderzug der Narren“ in Bewegung. Den ersten Halt versüßte ein „leichtes Mädchen“ (Ingrid Neubert), das aus dem Nähkästchen einer Liebesdienerin auf St. Pauli plauderte - und kein gutes Haar an den Männern ließ. Das männliche Publikum nahm es dem Vollweib nicht übel und Horst Werner entließ sie mit dem obligatorischen Naturalorden.

Bilder der Sondersitzung

Sondersitzung der Sängerfreunde

Als Zarah Leander eroberte Hans Hahn die Aufmerksamkeit der Reisenden. Schwarz gekleidet, mit dunkler Sonnenbrille und kräftigem Lippenstift versetzte Erdbeer-König Hahn das schunkelnde Publikum in die 30er Jahre. Auch Günther Barnickel und Heinrich Kress setzten auf Weiblichkeit: Als Maria und Margot Hellwig im pinken Zweiteiler und angeschnallter Oberweite sorgten sie für Lacher und Rufe nach einer Zugabe. Zum Schützenfest hatten die musikalischen Blondinen ins Gasthaus „Zum goldenen Lamm“ geladen. Der Stopp in München wurde durch eine bayerische Gesangseinlage der Sängerfreunde unterstützt. Bei Titeln wie „In München steht ein Hofbräuhaus“ oder „Anton aus Tirol“ verwandelte sich das Gemeinschaftshaus in eine Münchner Schwemme. Auch bei Volleul Georg Gruse drehte sich alles ums Nationalgetränk. Was er am liebsten trinkt, prangte in Großbuchstaben auf seinem Shirt. Zum Abschied gab es nicht nur den verdienten Orden, sondern auch Bier aus Glas und Flasche. Zum Stereo-Trinken.

Herzlich gelacht wurde über den „Ehekrach“ im Hause Barnickel. An die Familie Heinz Becker erinnerten Uschi und Barni mit ihrer Diskussion über den Dschungel deutscher Fremdwörter. Wie Uschi vom Orthograph mit einer Balalaika geknipst worden sein soll, konnte Barni nicht nachvollziehen. Und dass es Asthmatiker sind, die schnell ins Schnaufen geraten und nicht etwa Dramatiker, konnte Uschi nicht glauben. In Feinripp sorgten Hans Hahn, Roland Kraus, Hans-Peter Seidel und Horst Schick für Stimmung. Zum Schlager „Aber Dich gibt´s nur einmal für mich“ vollführten sie einen Lobgesang auf ihr bestes Stück und blickten dabei tief in ihre langen Unterhosen.

Den Gast aus Übersee, der Schwierigkeiten hatte, die hessischen Reden im Fastnachtstypischen Singsang zu verstehen, erinnerte die Maskerade an eine Mischung aus Halloween, Travestie und Mardi Gras (Faschingsfest der Amerikaner). Aber sie würde wiederkommen zu den Sängerfreunden - Singen und Schunkeln inklusive.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare