Um Worte ringen, statt zu leben wie ein Hund

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Logopädin Anita Lotz (rechts) macht mit Edith Trutzenberg (links) und Heidelore Francescon Sprachübungen aus einem Buch.

Offenbach - Sprechen heißt kämpfen. Der Gegner ist das eigene Gehirn. Wenn Walther Bierbach gewinnt, kommt ein Wort über seine Lippen, das ausdrückt, was er sagen will. Wenn er es nicht schafft, spiegelt sich der Ärger im wütenden Blick. Von Alexander Koffka

Meist weiß das Gegenüber trotzdem, was Bierbach meint. Aber das befriedigt den 72-Jährigen nicht. Wenn mühsam „provolieren“ aus dem Mund stolpert, obwohl er „provozieren“ sagen wollte, tröstet ihn kein wissendes Lächeln des Gesprächspartners.

„Das Sprechen gehört zum Menschen“, beschwört Bierbach. Und man spürt, wie sehr der Rentner darunter leidet, dass ihm seit einem vor fünf Jahren erlittenen Schlaganfall die Worte nicht mehr aus dem Mund sprudeln wie früher. Dank seines starken Willens und logopädischer Therapie nimmt der Offenbacher wieder am sozialen Leben teil. Er geht alleine zum Einkaufen und leitet eine Herzsportgruppe. Doch das sprachliche Fundament, auf dem er sich bewegt ist brüchig. Immer wieder fehlen ihm die Worte: „Ich weiß, was ich sagen will, aber die Schublade mit dem richtigen Begriff klemmt“, umschreibt er die Not. Dann sucht er nach einem Ersatzwort und greift mitunter in eine falsche Schublade, die gerade offen steht.

Nun hat auch noch seine Krankenkasse entschieden, Bierbachs Gruppentherapie bei einer Logopädin nicht weiter zu bezahlen. Dass Bierbachs Hausarzt ebenso wie Logopädin Anita Lotz eine weitere Behandlung dringend empfehlen, beeindruckte die AOK, beziehungsweise den von ihr beauftragten Medizinischen Dienst ebenso wenig wie der Einspruch des Versicherten. Während fast alle anderen gesetzlichen Krankenkassen bei Schlaganfallpatienten zum Teil mehr als zehn Jahre lang Therapien ermöglichen, um das Sprachvermögen zurückzugewinnen oder zu stabilisieren, zieht die AOK bei Patienten wie Bierbach einen Schlussstrich.

„Nach 180 bezahlten Einheiten muss man die Frage stellen, ob es noch sinnvoll ist, eine Therapie auf Kosten der Solidargemeinschaft fortzusetzen“, erläutert AOK-Sprecher Stephan Gill. Mitunter komme der Medizinische Dienst zur Einschätzung, dass das nicht der Fall sei. „Wir geben die weitere Genesung dann in die Eigenverantwortung der Versicherten, die zum Beispiel in Selbsthilfegruppen ihr Sprechvermögen trainieren können.“

Bislang trifft sich Bierbach wöchentlich mit drei Leidensgenossen, deren Sprache ebenfalls durch einen Schlaganfall eingeschränkt ist, zur 90-minütigen Gruppentherapie in der Praxis von Anita Lotz in der Wiesenstraße. Patienten und Logopädin unterhalten sich über aktuelle Themen und machen Sprachübungen. Alle vier sind gesetzlich krankenversichert - nur bei den beiden AOK-Mitgliedern soll die Therapie nun nicht mehr bezahlt werden.

Neben Bierbach ist Heidelore Francescon von dieser Ungerechtigkeit betroffen. Für die allein lebende Witwe ist die Kommunikation in der Gruppe und die daraus resultierende Stärkung besonders wichtig. Schließlich organisiert die 66-Jährige, deren Schlaganfall erst zwei Jahre zurück liegt, ihren Alltag selbst. Logopädin Anita Lotz fürchtet, dass die kommunikativen Fähigkeiten der Patientin unter einem Ende der Therapie leiden würden. „Eine Verschlimmerung der Behinderung und ein sozialer Rückzug sind zu erwarten.“

Bei Hans-Georg Kühn, der in einer Gruppe mit Heidelore Francescon und Walther Bierbach daran arbeitet, wieder besser zu sprechen, liegt der Schlaganfall bereits acht Jahre zurück. Entsprechend länger währt die Therapie des 70-Jährigen. Etwa die Hälfte seines Sprechvermögens, das ihn früher als Verkäufer auszeichnete, habe er zurückgewonnen.„Es ist schlimm, nicht sagen zu können, was man im Kopf hat.“ Kühn hat zumindest das Glück, nicht bei der AOK versichert zu sein. Seine Krankenkasse verlässt sich auf das Urteil des Hausarztes und der Logopädin und bezahlt die von allen als notwendig erachtete Therapie weiter.

Dagegen lehnt der von der AOK eingeschaltete Medizinische Dienst bei vielen Patienten nach Ablauf einer gewissen Zeit die Fortsetzung ab - ohne die Betroffenen persönlich begutachtet zu haben. „Für das Urteil reichen die vorliegenden Gutachten aus“,meint AOK-Sprecher Gill. Dass der Medizinische Dienst zu gegensätzlichen Schlussfolgerungen kommt wie die Gutachter, begründet er mit dem wirtschaftlichen Interesse etwa der Logopäden. Die würden sich die Nachfrage nach Therapien eben zum Teil selbst schaffen. Warum andere gesetzliche Kassen auf eine Begutachtung durch den Medizinischen Dienst verzichteten und weiter für die Behandlung bezahlten, könne er nicht beurteilen, sagt der AOK-Sprecher.

Der Versicherte Bierbach sieht „Willkür“ am Werk und will sich weiter dagegen wehren. Unlängst kränkte ihn ein Unbekannter mit der lauthals hinter seinem Rücken geäußerten Vermutung, der Stotterer sei wohl betrunken. Das bestärkte den Rentner mit dem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn nur in der Absicht, für eine Fortsetzung der Therapie zu kämpfen. „Denn wer nicht richtig reden kann, ist ein armer Hund.“

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