„Wünsche einen guten Anruf…“

Neun Jahre Warten auf einen Anruf: Anna Maria Walter hat ihn bekommen, war zwei Stunden später in der Klinik und neun Stunden später unterm Messer. Seitdem hat sie eine neue Niere und ein neues Leben. Jetzt mit ihrem schon fünfjährigen Engagement für die Offenbacher Selbsthilfegruppe der Dialyse- und Nierenpatienten aufzuhören, daran verschwendet sie keinen Gedanken. Sie verteilt Organspendeausweise, steht an Infoständen, wirbt bei Betroffenen für den Erfahrungstausch untereinander. Foto: p

Offenbach - Barbara Hoven Neun Jahre lang stand ihr Koffer gepackt im Flur. Neun Jahre lang hat Anna Maria Walter auf einen Anruf gewartet. Den Anruf, der ihr eine neue Niere schenken und sie von der Dialyse erlösen würde. Den Anruf, der für sie nicht nur sofortige Abfahrt ins Krankenhaus, sondern vor allem Aufbruch in ein neues Leben bedeuten würde.

Immer wieder hat sie in dieser Zeit erlebt, wie andere mehr Glück hatten. „Stellt euch vor, der hat ‘ne Niere gekriegt“ war ein in der Selbsthilfegruppe der Dialyse- und Nierenpatienten oft gehörter Satz. Ob das neidisch machte? „Nein, ich habe das den Leuten immer richtig gegönnt“, sagt die 62-Jährige, und ihre Augen werden klar und die Stimme zittrig.

Die Frage, ob sie alle Arztbesuche ihres Lebens gezählt habe, entlockt Anna Maria Walter ein Lachen. „Jetzt, da ich transplantiert bin, gibt es tatsächlich mal Wochen, in denen ich nicht beim Arzt bin.“ Mit 14 Jahren hatte ihre Leidensgeschichte mit einer Nierenbeckenentzündung begonnen. Die kam immer wieder, oft mehrmals im Jahr. So lief es, bis ihr Hausarzt Urlaub hatte und ein Vertreter sie fragte, ob sie schon mal beim Urologen gewesen sei. „Da hab ich erst mal gefragt: Ist das was zu essen?“, erinnert sich Walter. Heute kann sie darüber herzlich lachen. 1976 war das anders gewesen. Da erhielt sie die Diagnose: Schrumpfnieren. Und damit die Gewissheit, dass sie früher oder später an die Dialyse muss. Das hielt sie zunächst nicht davon ab, ein halbwegs normales Leben mit Beruf und Familie zu führen – zumindest, bis die Dialyse begann.

„Ich hatte mich einfach dran gewöhnt, die Entzündungen empfand ich irgendwann nur noch als Rückenschmerzen.“ Im September 1999 war es dann soweit: Dialyse oder Transplantation! Da die Wartezeiten für ein Spenderorgan lang sind, musste Walter seither ihr Blut drei Mal pro Woche von einer Maschine reinigen und überschüssiges Wasser aus ihrem Körper entfernen lassen. Anfangs dauerte die Prozedur drei Stunden, am Ende fast sechs. Eine so genannte „Lebendspende“, die in Deutschland zur Vermeidung von Missbrauch nur von Ehepartnern oder nächsten Angehörigen stammen darf, kam für Walter nicht in Frage. Zwar stellte sich ihr Mann Heinz sofort zur Verfügung, doch sein Organ passte nicht. Das Hilfsangebot ihres Nachwuchses lehnte die zweifache Mutter entschieden ab. „Es kam für mich nicht in Frage, meine Kinder als Ersatzteillager zu benutzen!“

Bloßes Warten war für die agile Optimistin aber auch keine Alternative. Trotz ihrer eigenen Sorgen wollte sie anderen helfen: Also engagiert sie sich seit fünf Jahren in der Offenbacher Selbsthilfegruppe der Dialyse- und Nierenpatienten, fand dort Freunde, Halt, Trost. Rund 30 Nierenpatienten, die vor, während oder auch nach einer Dialyse stehen, treffen sich vier mal jährlich offiziell zu Erfahrungsaustausch und Vorträgen von Referenten. Daneben gibt es private Treffen, auch gemeinsame Ausflüge. Nur eins ärgert Walter: „Viele junge Patienten informieren sich ausschließlich im Internet.“ Das aber könne den zwischenmenschlichen Austausch nicht ersetzen, liefere zudem oft Halbwahrheiten statt Erfahrungswerte.

Trotz des Rückhalts, den ihr die Gruppe gab, wurde die Situation für Anna Maria Walter im letzten Sommer unerträglich. Doch statt Trübsal zu blasen, ließ sie sich etwas einfallen: „Als mich der Hafer stach, zog ich durch Offenbacher Autohäuser, bat, Organspendeausweise auslegen zu dürfen. Wegen des Zusammenhangs Autos – Unfälle – Organe…“

Sie sagt selbst, dass die Idee gewagt war. Umso mehr wurde sie von den positiven Reaktionen der Autoverkäufer überrascht. „Ich dachte, die wären schockiert oder wenigstens skeptisch, aber die meisten waren sofort einverstanden.“ Nur ein Haus habe sehr unfreundlich abgelehnt. Davon ließ Walter sich nicht entmutigen. Und erhielt den Lohn für ihre Mühen noch während der Aktion: In der Nacht zum 18. Oktober 2008 klingelte das Handy, dessen Nummer außer Ehemann Heinz nur das für sie zuständige Transplantationszentrum der Marburger Uniklinik kannte und das in neun Jahren nicht eine Minute lang ausgeschaltet oder nicht in ihrer Reichweite gewesen war.

Der erlösende Anruf kam zehn Minuten nach Mitternacht. „Wir haben ein Organ“, sagte der diensthabende Arzt. Walters Reaktion: „Ich habe nicht gelacht, nicht geweint, sondern nur den fertig gepackten Koffer geschnappt und mich mit meinem Mann auf den Weg ins Krankenhaus gemacht.“ Keine zwei Stunden später traf sie in der Klinik ein, neun Stunden später lag sie auf dem OP-Tisch.

Das alles erzählt die 62-Jährige wie aus der Pistole geschossen. Daten, sagt sie, könne sie sich sonst nur schwer merken kann. Fassen kann die sympathische Frau ihr Glück auch Monate nach der geglückten Transplantation noch nicht recht. „Nach der langen Wartezeit ging plötzlich alles so schnell, das habe ich bis heute nicht richtig registriert.“ Deshalb hat sie auch heute noch die dicke Wulst am linken Arm, über der Ellenbeuge. Unter der Haut verbirgt sich ein Shunt-Anschluss – im Volksmund „Fistel“ genannt –, in den bei jeder Dialyse eine Nadel von der Größe eines Zahnstochers gesteckt worden ist. Zwar bräuchte sie diesen Anschluss seit der Transplantation eigentlich nicht mehr. Aber sie will auf Nummer sicher gehen. „Der ist für mich zur Beruhigung. Lieber behalte ich ihn und brauche ihn nicht, als umgekehrt. Es könnte ja immer noch sein, dass die neue Niere nicht funktioniert.“

Oft plage sie gar das schlechte Gewissen, weil sie „so viel Glück hatte. Andere warten viel länger oder haben große Probleme nach der OP, doch bei mir lief alles glatt.“ Auch darum engagiert Walter sich nach wie vor täglich für die Offenbacher Selbsthilfegruppe, daran soll sich nichts ändern. Nach den Treffen verabschiedet sie sich immer mit den gleichen Worten: „Leute, macht’s gut. Ich wünsch euch nen guten Anruf!“

http://www.organspende-info.de

Das Selbsthilfebüro Offenbach (Frankfurter Straße 48) arbeitet unter dem Dach des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Im Internet sind Details auf www.paritaet-of.de zu haben, telefonisch bei Thomas Schüler unter  069 824162. Die Arbeitsgemeinschaft der Selbsthilfegruppen im Gesundheitsbereich in Stadt und Kreis Offenbach will eine aktualisierte Ausgabe ihres „Selbsthilfegruppen-Wegweisers“ veröffentlichen. Der Vorstand bittet alle in Frage kommenden Gruppen, Ziele, Angebote, Kontaktdaten zu melden. Ansprechpartner: Rainer Marx (Leipziger Ring 29, 63150 Heusenstamm, 06104 682616, Mail an Rainer.Marx@FM-Selbsthilfe-RMK.info).

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