Wünschelrute zuckte

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Am vergangenen Freitag haben die Forstwirte Peter Schubert und Dieter Becker mit Säge und Schlepper einen Baum entfernt, der vor Jahrzehnten über den Brunnen gefallen war.

Offenbach - „Wie lieblich ist's an diesem Ort, wie ist der Trank so labevoll“ schwärmte ein Dichter vor 150 Jahren im „Offenbacher Intelligenzblatt“ vom Schäferborn. Von Lis Schulmeister

Die 1859 in Stein gefasste Quelle im Hainbachtal war vom 19. bis Anfang des 20. Jahrhundert ein beliebtes Ausflugsziel. Wanderer, Familien und auch Vereine samt Musikkapellen schätzten den damals weit hinter der Bebauung der Stadt gelegenen, idyllischen Ort als Treffpunkt, zum Picknicken und als Festplatz.

Im Sommer 1861 hatte der damalige Oberförster Müller den Schäferborn um eine zusätzliche Attraktion bereichert. Er hatte einen Springbrunnen in den Wald gebaut, „der die Menschenströme an schönen Sonntagen noch einmal anwachsen ließ“, wie die Zeitung damals berichtete. Nach dem Zeiten Weltkrieg verlor die lauschige Oase ihre Bedeutung. Viele Stadtbewohner bevorzugten Ausflüge mit Auto oder Eisenbahn in die umliegenden Mittelgebirge. Gestrüpp überwucherte die Quelle, und Vandalen demolierten Bänke und den aus Bruchstein gemauerten Tisch.

Akten belegen, wie die Stadt die Anlage 1951 sanierte. Sie verlegte zehn Meter Steinzeugrohre und 36 Meter Drainageleitung, sie verankerte die Bruchsteinplatte und baute ein neues Tischfundament. Dafür zahlte im Juli 1951 die Stadtkasse 473,90 Mark an das Straßen- und Tiefbauunternehmen Lorenz Klein in Bürgel. Brutto für netto übrigens, denn die Mehrwertsteuer wurde damals noch nicht erhoben. Viel Geld für eine Quelle, deren Wasser nur bei starkem Regen mehr als ein Rinnsal war und das sich nach wenigen Metern immer neue Wege bis zum Hainbach bahnt.

Trotzdem geriet der Schäferborn bald erneut in Vergessenheit. Doch immer wieder engagierten sich Vereine und Förster. Sie säuberten das Areal, reparierten das Mobiliar, justierten den steinernen Tisch und legten Drainagen um den Brunnen. Trockenen Fußes konnten Wanderer zu einer „Stätte der Ruhe und Erholung“ gelangen, wie 1976 die Lokalpresse schrieb.

Doch der gepriesene „neue Glanz im friedvollen Schatten am Schäferborn“ verblasste bald wieder. Nur wenige Jahre später hatte die Stadt weitere Bänke aufgestellt und die Tischoberfläche mit Holzbohlen verschönert. „Nach drei Tagen war die Platte verbrannt“, erinnert sich Peter Schubert vom Liegenschaftsamt. „Jemand hatte aus dem Tisch ein Lagerfeuer gemacht.“

Seit vielen Jahren ist die Quelle ein nur von wenigen Spaziergängern besuchter Platz. Die einst zur Rast einladenden Bänke sind halb im feuchten Waldboden versunken, und vor dem Genuss des Wassers warnt ein verrostetes Schild. Das soll sich bald ändern. Denn zum 150. Brunnen-Geburtstag im August nehmen sich großzügige Gönner seiner an. Der Rotary Club Offenbach will den Born und sein Umfeld herrichten.

Am vergangenen Freitag haben die Forstwirte Peter Schubert und Dieter Becker bereits mit Säge und Schlepper einen Baum entfernt, der vor Jahrzehnten über den Brunnen gefallen war. Im Herbst oder im Frühjahr 2010 wollen die Mitglieder des Rotary-Clubs gemeinsam mit den rotarischen Jugendlichen Müll entfernen und einen Papierkorb anbringen, Bänke aufstellen und Wege befestigen.

Auch wenn die Offenbacher am Schäferborn keine Feste mehr wie im 19. Jahrhundert feiern werden, bietet doch der stadtnahe Platz abseits des Lärms Momente der Ruhe. Der Suche nach einem geeigneten Ort für die Offenbacher zur sonntäglichen Entspannung nach einer 60-Stunden-Arbeitswoche verdankt die Stadt den Schäferborn jedoch ursprünglich nicht. Denn der Namenspatron der Quelle und damalige Bürgermeister Friedrich August Schäfer sorgte sich 1859 nicht um kontemplative Stätten. Vielmehr machte er sich Gedanken um die mit aufkommender Industrie und wachsender Bevölkerungsdichte knapper werde Versorgung mit Trinkwasser. Wasserleitungen waren noch nicht gebaut. Die Bürger mussten das Wasser aus Brunnen holen. „Wenn nicht bald etwas geschieht, kommen wir in eine arge Wassernot“, sagte Schäfer im Stadtparlament.

Um Abhilfe zu schaffen, ließ er Wünschelrutengänger nach neuen Quellen suchen. Sie fanden den Schäferborn, der für eine Wasserleitung jedoch nicht ausreichte. Ergiebiger zeigte sich die „Kalte Klinge“ südwestlich der Rosenhöhe, deren Quelle die erste Offenbacher Wasserleitung speiste.

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