Käufer ahnte nichts davon

Bulgaren hausen in polizeilich bekanntem Haus

Dirk Landes hat vor anderthalb Jahren ein Mietshaus in der Innenstadt erworben. Doch die geplante Altersvorsorge brachte ihm bislang nur Ärger ein.

Offenbach - Als Dirk Landes ein altes Offenbacher Mietshaus kaufte, ahnte er nicht, was ihm bevorsteht. Es ist ein polizeilich bekanntes Objekt, in dem bulgarische Einwanderer hausen. Er arrangiert sich, so gut es geht. Von Veronika Schade 

Ein langer Gang. Überall brennt Licht, hängt Wäsche. In der Küche brutzelt etwas auf dem Herd. Das Fenster ist geschlossen, es bleibt kaum Atemluft, der kleine Raum ist bestimmt 50 Grad warm. Dirk Landes reißt das Fenster auf, schaltet die Dunstabzugshaube ein. „Die machen das einfach nicht“, weiß er über seine Mieter. In einem anderen Raum haben sich etwa acht Menschen vor dem Fernseher versammelt. Sie sprechen kein Deutsch. Als sie Landes erblicken, hebt die älteste Frau den Daumen. „Landes gut“, sagt die Bulgarin und lacht. Er lacht auch, freut sich über das unerwartete Lob. Und hofft, dass es so bleibt, dass ruhigere Zeiten einkehren.

Denn Ärger hat Landes schon mehr als genug, seit er vor genau anderthalb Jahren das im Jahr 1925 erbaute fünfgeschossige Mietshaus in der Waldstraße 54 gekauft hat. Eine Adresse, die in Polizei- und Ordnungsamtskreisen berühmt-berüchtigt ist. Es ist eins von 14 Objekten in Offenbach, die bei den Behörden unter Verdacht stehen, illegale Matratzenlager, Schwarzarbeiter und Scheinselbstständige in unkontrollierter Zahl zu beherbergen – hauptsächlich aus Bulgarien.

Welche Zustände tatsächlich in dem Haus herrschten, will Landes beim Kauf nicht gewusst haben. Der freiberufliche Berufsbetreuer aus Frankfurt suchte ein Haus zum Vermieten als Altersvorsorge. „Ein Freund sagte zu mir, Offenbach sei gar nicht so schlimm wie sein Ruf. Hier würden nur Leute leben, die ,falsche‘ Nachnamen hätten und deshalb keine Wohnungen kriegen würden.“

Matratzenlager im Haus

Häuser unter Beobachtung:

In Offenbach gibt es derzeit 14 Liegenschaften, die aufgrund der dort angenommenen Wohnverhältnisse unter Beobachtung des Ordnungsamts stehen. „Es sind ältere Mehrfamilien-Mietshäuser in der Innenstadt“, erläutert Amtsleiter Peter Weigand. „Pro Monat muss ein Haus durchsucht werden, das ist die Zielvorgabe des Ordnungsdezernenten.“ Eine Durchsuchung muss von langer Hand geplant werden, es sind mehrere Behörden beteiligt. „Wenn es um scheinselbständiges Gewerbe, Schwarzarbeit und ,beherbergungsähnlichen Betrieb‘ geht, ist das Finanzamt dabei“, so Weigand. „Wenn ein Verdacht auf Überbelegung der Wohnungen vorliegt, ist die Bauaufsicht daran interessiert.“ - vs

Im Internet wird das Haus für 560.000 Euro angeboten. Als er einige Monate später nachschaut, ist der Preis auf 435.000 Euro runtergegangen. „405.000 Euro habe ich dann bezahlt“, sagt der 47-Jährige offen. Zu dem Haus gehören ein Seitengebäude und ein Laden. Auch diese waren an Bulgaren vermietet, die Einnahmen sackte einer der Mieter im Haupthaus ein. „Als ich den Laden betrat, sah ich das Matratzenlager“, erzählt Landes und sperrt die Tür zu dem mittlerweile leeren Raum auf. Im hereinfallenden Lichtkegel stieben aufgescheuchte Kakerlaken davon. Es riecht muffig und verschimmelt. Ein Bettgestell ist von den früheren Bewohnern übriggeblieben. Aus Wut über ihren Rauswurf haben sie das Waschbecken in dem angeschlossenen kleinen Waschraum rausgerissen. Das Loch gibt den Blick frei in ein weiteres kleines, nicht minder stinkendes Zimmer. Irgendwann will Landes auch diese unteren Räume auf Vordermann bringen. Aber noch nicht jetzt. Er wartet darauf, dass andere beauftragte Arbeiten endlich abgeschlossen werden. Bezahlt hat er schon dafür. Vieles auf Kredit.

„Als ich von dem Matratzenlager erfuhr, bat ich beim Amt um Registerbereinigung“, berichtet er. In seinem Haus will er nur Menschen haben, die ordnungsgemäß gemeldet sind. Ein „Unterhändler“ sucht für ihn seitdem die Mieter aus und hilft beim Eintreiben der Miete. Nur einer der mittlerweile 57 gemeldeten Mieter überweist Geld aufs Konto. Die anderen zahlen bar – wenn überhaupt. Eine Frau, die er nach der ausstehenden Miete fragt, zuckt mit den Schultern. „Chef nicht bezahlt.“

Kein Verständnis für Polizei

Aus Frust rissen frühere Bewohner das Waschbecken von der Wand.

Irgendwie kommt Landes mit seinen Mietern aus. Er hat erkannt, dass kaum andere Klientel in das Haus zieht, und fühlt eine gewisse Verantwortung. „Es sind nette Leute“, sagt er und meint es auch so. „Ich habe den Anspruch, die Menschen nicht auf die Straße zu setzen, aber auch, meine Kosten nicht explodieren zu lassen.“ Aufs Nebenhaus, das er neu erbauen ließ, setzte er eine Fotovoltaik-Anlage für 50.000 Euro. Den Strom für seine Mieter bezahlt er selbst. Zwischen 350 und 400 Euro beträgt die Warm-Monatsmiete. Dennoch sind Beschimpfungen, Beleidigungen oder gar Beschädigungen Teil des Alltags, etwa wenn er Mieter bittet, nicht im Hof zu parken oder den Müll zu trennen. Eine seiner schlimmsten Erfahrungen ist die mit einer Familie, die seit Monaten keine Miete gezahlt und ihr Einkommen verschleiert hatte, woraufhin er ihr kündigte: „Sie zogen aus, kamen aber wieder, zerstörten den Dachboden, rissen das Treppengeländer raus, schlugen Löcher in den Boden, verursachten einen Wasserschaden.“ Die Mutter habe ihn beleidigt, verfolgt und bedroht: „Ich werde dafür sorgen, dass dir ein großer Stein auf den Kopf fällt!“ Landes bemüht sich um eine einstweilige Verfügung. Sie wird abgelehnt.

„Die Leute haben einfache Denkmuster, glauben, sie haben nur Rechte, aber keine Pflichten“, kommentiert er. Trotzdem zeigt er wenig Verständnis dafür, dass Polizei und Bauaufsicht nachts in die Wohnungen gekommen sind und fotografiert haben, ohne ihn vorher zu fragen. „Man sollte nicht alle über einen Kamm scheren. Nicht jeder, der an Bulgaren vermietet, hat auch Matratzenlager.“ Insgesamt habe er die Behörden aber als hilfsbereit und wohlwollend erlebt.

Dass er das Haus nicht wieder verkaufe, liege wohl an seinem Hang zum Masochismus, sagt er mit bitterem Lächeln. „Ich würde es nicht nochmal tun, in Offenbach erst recht nicht.“ Er sieht ein, etwas blauäugig gewesen zu sein. Trotzdem hat er seinen Optimismus noch nicht verloren: „Wenn der Laden zur Wohnung umgewandelt ist, hätte ich da gern Studenten. Es gibt sogar Interessenten.“

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