Wüste Orgien im Tulpenhof

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Die vom Offenbacher Stadtarchiv zur Verfügung gestellte Zeichnung zeigt den „Tulpenhof“, wie er ausgesehen haben soll. Heute zeugt nur noch ein auffallender Eichbaum an der Ecke Bismarck- und Tulpenhofstraße von der Grenze des inneren Guts.

Offenbach ‐ Es war Stadtgespräch, als kürzlich bei Bauarbeiten auf dem Wilhelmsplatz die Gebeine von Mitgliedern der Adelsfamilie von Amerongen freigelegt wurden. Von Lothar R. Braun

Ihr Name ist verbunden mit einem Stadtquartier im Offenbacher Westen. Zwanzig Jahre lang hat der holländische Baron Jan Taet von Amerongen den Tulpenhof besessen, an den heute nur noch der Name Tulpenhofstraße erinnert.

Zwischen Frankfurter Straße und Bismarckstraße durchschneidet sie den Kern eines Gutsbezirks, dessen äußere Felder unter anderem mit den Städtischen Kliniken und der Leibnizschule bebaut sind. Ein auffallender Eichbaum an der Ecke Bismarck- und Tulpenhofstraße zeigt noch immer die Grenze des inneren Gutsbereiches an. Der als Naturdenkmal geschützte Baum hat das ehrwürdige Alter von mehr als 200 Jahren.

Amerongen erwarb den Besitz samt Herrenhaus 1833 aus dem Eigentum eines religiös-mystischen Abenteurers namens Müller-Proli, der seit 1824 als „Herzog von Jerusalem“ und „Prophet von Offenbach“ dort mit einer Schar gläubiger Anhänger residierte. Die Offenbacher raunten von wilden Orgien mit unbekleideten Tänzerinnen, die es dort rund um eine künstlich angelegte Felsengrotte gegeben haben soll.

Christuskopf mit wallendem blonden Haar

An Geld hat es dem „Herzog von Jerusalem“ offenbar nie gemangelt. Ihn selber bekam freilich nur zu Gesicht, wer durch die Hecken lugte, wenn er in seinem Park lustwandelte. Wer ihn sah, erzählte von einem Christuskopf mit lang wallendem Haar und Vollbart in Blond.

Das Treiben endete, als im Juli 1831 die unruhig gewordene Obrigkeit Soldaten schickte. Eine Kompanie aus der Offenbacher Garnison besetzte Ein- und Ausgänge und nahm den Propheten fest. Er kam erst wieder frei, nachdem er glaubwürdig versichert hatte, er werde mit den Getreuen nach Amerika auswandern. Auf einem eigens dafür erworbenen Segelschiff mit Namen „Isabella“ suchten der Prophet und 46 seiner Gläubigen nun „das Neue Jerusalem“ in der Neuen Welt.

Doch er ging keineswegs verbittert. Der Stadt Offenbach hinterließ Proli bei der Abreise immerhin 2000 Taler zur Unterstützung verarmter Bürger. In den USA allerdings ist Proli nach weiteren Abenteuern spurlos verschollen geblieben. Nur einige seiner Begleiter kehrten später nach Frankfurt und Offenbach zurück.

Proli nannte den späteren Tulpenhof noch „Löwenburg“. Umstritten ist, ob der Name Tulpenhof dann vom Nachbesitzer Amerongen stammt, immerhin einem Spross der tulpenseligen Niederlande, oder dem späteren Eigentümer Kosel. Doch es verlohnt, über den preußischen Husaren-Oberstleutnant Bernhard von Kosel zu berichten. Er gab dem zu Beginn der 1870er Jahre erworbenen Tulpenhof seine letzte Gestalt.

Die Palmengarten-Gestalter waren am Werk

Prolis Landhaus in der Tiefe des Parks ließ Kosel niederreißen. Sein Herrenhaus ließ er näher an die Frankfurter Straße rücken und im Stil der italienischen Renaissance ausstatten, mit Täfelungen, Kassettendecken und Kaminen. Den Park ließ er vom angesehenen Frankfurter Gartenbaubetrieb Gebr. Siesmayer neu gestalten, dessen Name mit dem Frankfurter Palmengarten verbunden ist. Hinter dem Haus, in Richtung Geleitsstraße, ging der Park in eine Wiese mit Weiher über. Mit der Hausnummer Frankfurter Straße 98 öffnete nun ein schmiedeeisernes Tor den Hauptzugang. Ein zweites Tor zur Frankfurter Straße gab es etwa auf der Höhe der heutigen Körnerstraße.

Eine lange Freude an seinem Besitz blieb dem Freiherrn von Kosel freilich verwehrt. Er starb 1886 in Neapel. 1904 ist der Tulpenhof als verbliebener Kern des einst so ausgedehnten Gutsbereiches im Besitz des Offenbacher Bankhauses S. Merzbach. Es verkauft den Tulpenhof an die Bauunternehmer Gebr. Beck. Sie lassen Kosels Herrenhaus niederlegen und den Park parzellieren für den Bau von Villen für ein wohlhabendes Bürgertum. Es macht den Weg frei für die Bebauung von Tulpenhofstraße und Körnerstraße.

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