Auf der Y-Achse der Polizeiarbeit Staffel-Fakten

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Der BO 105 - das erste Exemplar wurde 1973 geliefert - kann zwar weniger, ist im täglichen Auf und Ab der Polizeihubschrauberstaffel aber immer noch ein zuverlässiger Kollege für die Piloten, Flugtechniker und Flugbetriebsassistenten. Turbinentriebwerke haben beide Modelle. Das ist wichtig, weil auf diese Weise viel Leistung bei wenig Gewicht garantiert ist.

Offenbach/Egelsbach - Nein, das hat der kleine Grüne nicht verdient. „Guten Flug“ hätten die Kollegen Kommissare vielleicht sagen können, oder „Immer 5000 Handbreit Luft unter dem Rotor“. Woher soll man schon wissen, was sich Hubschrauberpiloten zum Abflug wünschen? Von Marcus Reinsch

Gesagt haben sie jedenfalls: „Ach, mit dem Modellhubschrauber…“, und dabei haben sie ein bisschen mitleidig geguckt und auch ein bisschen schadenfroh, und dann mit einer Art Fernbedienung vor dem Bauch einen Helikopter aus der Halle chauffiert, den sogar ein Mensch ohne besonderen Bezug zu Fluggerät niemals einen Modellhubschrauber schimpfen würde. Obwohl es ihn in Spielzeugläden natürlich längst auch als Miniaturausgabe gibt. Es ist ein EC 145, ein Eurocopter. Klingt nach Vorabendkrimi, beflügelt aber nicht Machophantasien der Privatsender-Klientel, sondern Erfolgsbilanzen der hessischen Polizeipräsidien.

Der EC ist blau, er fliegt schnell, er hat sogar eine Art Autopiloten, er kann neun Passagiere mitnehmen und mit jeglicher Ausrüstung bestückt werden, die fliegende Fahnder brauchen. Ein Alleskönner ist das, ein bisschen auch ein Angeber - und ein Drilling. Hier auf dem Areal der Polizeihubschrauberstaffel Hessen am Flugplatz Egelsbach hat er noch zwei gleiche Brüder, und momentan ist die Staffel mit der Hoffnung schwanger, bald einen vierten Eurocopter zu bekommen. Dann wäre die „Mission Generationswechsel“ komplett, und der eben noch selbstverständlich nur im Spaß geschmähte BO 105 könnte in den wohlverdienten Ruhestand gehen.

Ein Liebhaberstück für Puristen

„Der BO“, wie ihn die Bediensteten hier nennen, ist der letzte seiner Art, der in der Staffel Dienst tut. Aber er ist immer noch jederzeit in der Lage, seinen Insassen im Wortsinn erhebende Gefühle zu bescheren. Mehr vielleicht sogar als der viel effektiver stabilisierte Eurocopter, in dem man eigentlich nur noch merkt, dass man fliegt, weil die Welt draußen nach der Eisenbahnplatte eines besonders detailverliebten Bastlers aussieht. Privat genutzt, wäre der BO mittlerweile ein Liebhaberstück für Puristen, ein Charmbolzen. Er hat zwar nur Platz für vier Leute, zwei vorne, zwei hinten. Und draußen ist alles rund und drinnen ein bisschen wie in einem VW Käfer, also irgendwie nackt und mit Rundinstrumenten im Armaturenbrett.

Der BO 105 - das erste Exemplar wurde 1973 geliefert - kann zwar weniger, ist im täglichen Auf und Ab der Polizeihubschrauberstaffel aber immer noch ein zuverlässiger Kollege für die Piloten, Flugtechniker und Flugbetriebsassistenten. Turbinentriebwerke haben beide Modelle. Das ist wichtig, weil auf diese Weise viel Leistung bei wenig Gewicht garantiert ist.

Aber er ist nunmal auch ein Veteran, der sich verdient gemacht hat ums Vaterland, was in diesem Fall Hessenland bedeutet. Kurz: Er ist ein alter Bekannter. Nicht nur für die Polizeiflieger. Jeder hat ihn schon gesehen, zumindest seinen Bauch, wenn er in der Luft steht wie eine kompakte Wolke, deren Flanken jemand in einer Zeit grün angepinselt hat, als Mensch und Maschinen der Ordnungsmacht noch grün gewandet oder lackiert waren.

Die Egelsbacher Hubschrauber verleihen der Polizeiarbeit in Hessen eine dritte Dimension. Vorwärts, rückwärts, rechts und links, das kann jedes Auto. Aber der Heli kann auch rauf und runter, fast überall. Er ist sozusagen die kriminalistische Y-Achse, obwohl beileibe nicht alles, was in den Missionsplänen der Piloten steht, auf einen Krimi hinausläuft.

Warm ist hell, kalt ist dunkel

Ja, die Hubschrauberstaffel seilte ein Sondereinsatzkommando ab, als es im vergangenen Jahr eine Schießerei mit Todesopfern in der Rüsselsheimer Innenstadt gegeben hatte. Ja, der beinahe absolute Überblick aus den Helikoptern wurde schon manchem Ganoven auf der Flucht zum Verhängnis. Aber „der Großteil unserer Missionen sind normale Such- und Fahndungsaufträge“, erklärt Polizeihauptkommissar und Pilot Carsten Voss. Wie vor wenigen Wochen, als ein Spaziergänger im Offenbacher Amerikawäldchen zwischen Tempelsee, Wetterpark und Buchhügel einen neuwertigen Damenstiefel und eine Stofftasche fand und ein Eurocopter der Fliegerstaffel über dem Gebiet schwebte, bis klar war, dass es einen zweiten Stiefel gibt, aber kein Opfer eines Gewaltverbrechens, keine Selbstmörderin oder hilflose Vermisste.

Bei solchen Einsätzen kommt die Wärmebildkamera zum Zuge. Sie stellt auf einem Monitor schon Temperaturunterschiede von 0,1 Grad dar. Warm ist hell, kalt ist dunkel. Im Winter sind die Erfolgschancen höher, weil dann die Wälder nicht so stark belaubt sind, wegen der tiefen Umgebungstemperatur der Boden ausgekühlt ist und ein menschlicher Körper, lebendig oder noch nicht lange tot, auf dem Bildschirm hell leuchtet. Man muss nur die Schattierungen zu deuten wissen. „Das können unsere Flugbetriebsassistenten vom Rücksitz aus am besten“, sagt Voss, der als Pilot vorne rechts im Helikopter sitzt, während neben ihm der „Linker Mann“ genannte Flugtechniker, ebenfalls mit Flugschein, für die taktische Aufgabenbewältigung zuständig ist, also für die Absprache mit Behörden, den Funkkontakt, das Absetzen von Meldungen.

Jetzt, im BO, gibt es nicht viel zu funken und zu melden. Die Mission von Polizeioberkommissar Marcel Ulrich und Polizeikommissar Georg Martini lautet gerade: Objektschutz. Die „Objekte“ sind in diesem Fall das Kernkraftwerk Biblis und der Frankfurter Flughafen, beides potentielle Ziele für illegale Aktionen fehlgeleiteter Kernkraft- oder Ausbaugegner. Lärmgeplagte Offenbacher machen ihrer Furcht vor Lärm und Preisverfall zwar nachweislich ausschließlich vor Gericht und in Leserbriefen Luft. Aber man muss nur an die Proteste zurückdenken, die damals die Startbahn-West zum Schlachtfeld machten, um vorsichtig zu sein. Deshalb wird die Landschaft regelmäßig nach verdächtigen Gestalten abgesucht. Spaziergänger mit Hund in Ordnung, Spaziergänger mit Panzerfaust nicht? „Im Grunde richtig“, bestätigt Pilot Ulrich durch den Bordfunk, als der BO in 150 Metern Höhe die Runde über das Gestrüpp rund um den Atommeiler macht.

50 Minuten bis Kassel, ein Wimpernschlag bis nach Offenbach

Nach Kassel – die dem Hessischen Bereitschaftspolizeipräsidium zugeordnete Hubschrauberstaffel kann von allen sechs Polizeipräsidien im Land angefordert werden – braucht ein moderner Hubschrauber gerade mal 50 Minuten. Der Eurocopter schafft 150 Knoten, der in der Fliegerei üblichen Einheit für Geschwindigkeit. Das sind rund 230 Stundenkilometer, die nur ausgeschöpft werden, wenn es eilt. Sonst liegt die Reisegeschwindigkeit bei 110, 120 Knoten. Etwas Zurückhaltung verlängert die Zeit bis zum nächsten Tankstopp, den die Polizeiflieger bei Bedarf auch auf anderen hessischen Flugplätzen erledigen können.

Selbst mit dem langsameren BO hat der Weg nach Biblis keine zehn Minuten gedauert. Und von Egelsbach bis Offenbach ist es nur ein Wimpernschlag, da lohnt das Beschleunigen kaum. Das ist noch so ein Vorteil des Luftwegs: Hier oben sind Staus eher selten, zumal ein Polizeihubschrauber zumindest tagsüber fast überall fliegen darf, wo und wie er will.

Irgendwas Verdächtiges im Gestrüpp rund um das Atomkraftwerk Biblis? Polizeikommissar Georg Martini beim tanken.

In der Flugkontrollzone, die sich wie ein auf der Spitze stehender Trichter über den Frankfurter Flughafen und das Umland stülpt, ist das natürlich anders. Sobald ein Helikopter in den Luftraum eindringt, der für startende und landende Jets reserviert ist, ist eine Meldung fällig. Also auch bei Objektschutz-Flügen rund um den Airport. Ulrich steuert den BO über den letzten Stummel der Startbahn-West, um gigantische Terminals herum und über die riesige Schneise, die den Kelsterbacher Wald seit wenigen Wochen als erster sichtbarer Hinweis auf die geplante Nordwest-Bahn zerschneidet.

Ein hässlicher Anblick. Aber verschiedene Menschen sehen die Rodung durch verschiedene Augen und manchmal auch durch die Scheibe eines Hubschraubers. In der Staffel-Wache, ganz am Ende des Egelsbacher Flugplatzgeländes, sagt einer, der es sogleich als persönliche Meinung kennzeichnet: „Schreiben Sie ruhig, dass wir für den Flughafenausbau sind.“ Mit dem Ausbau, erklärt er, komme auch ein Flugleitsystem, das Polizeifliegern ihre Aufgaben in heiklen Wetterlage erleichtere.

Das würde die Einsatzfähigkeit der Staffel nochmals steigern. Einen Sprung gemacht hatte sie schon 2002 mit der Anschaffung des ersten Eurocopters. Mit dem begann die Nachtflugära erst richtig. Im altehrwürdigen BO mussten für den Dunkel-Einsatz mit den extrem lichtempfindlichen Bildverstärkerbrillen auf den Pilotenköpfen die Instrumente mit Filterscheiben abgeschwächt werden. Im EC ist es nur ein Knopfdruck zwischen Tag und Nachtmodus.

Staffel-Fakten

Die Polizeihubschrauberstaffel, die einzige in Hessen, wurde 1964 auf Anordnung des damaligen hessischen Innenministers Heinrich Schneider aufgestellt. Erste Fluggeräte waren zwei französische Beobachtungshubschrauber namens Alouette II.

  • Im Jahr 1973 wurde der erste Polizeihubschrauber vom Typ BO 105 CBS geliefert. 
  • 1979 gab es ein tragisches Flugunglück bei Nackenheim: Die Crew des Polizeihubschraubers kam beim Absturz in den Rhein ums Leben.
  • 1986 zog die Staffel vom Hangar des Flughafens ins heutige Dienstgebäude um.
  • 1999: der 50 000 Flug.
  •   Seit 2002 ist Polizeioberrat Franz Thiemeyer Staffelleiter. Verkehrsüberwachungsflüge wurden eingestellt, es wird nur noch auf Anforderung geflogen. Der erste Eurocopter wurde in Dienst gestellt.
  •  2003 gab es ein erstes gemeinsames Winden- und Bergetautraining mit der Tauchergruppe der Bereitschaftspolizei und dem Höhenrettungstrupp der Berufsfeuerwehr. 2005 und 2006 folgten zwei weitere Eurocopter.
  • Momentan arbeiten bei der Staffel insgesamt 22 Piloten, 7 Flugtechniker, 6 Flugbetriebsassistenten und zwei Mechaniker und Prüfer in zwei Schichten.
  • Um die Lärmbelastung für die Menschen rund um den Flugplatz Egelsbach zu minimieren, wurden für Nachteinsätze verkürzte Start- und Landeprozeduren eingeführt. Geflogen wird nachts nur, wenn es unvermeidlich ist.

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