Aus Angst schweigsam

Zäher Prozess um tödliche Messerstiche

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Offenbach - Vier der acht geplanten Verhandlungstage sind um. Zahlreiche Videos wurden analysiert und noch mehr Zeugen gehört. Scheinbar unberührt vom Geschehen schweigt sich der Angeklagte weiterhin vor der elften Strafkammer des Landgerichts Darmstadt aus. Von Silke Gelhausen-Schüßler 

Man könnte vermuten, Pajazit H. (40) weiß genau, dass es niemanden gibt, der ihn als Messerstecher bloßstellen wird. Denn obwohl bei der tödlichen Attacke an der Ecke Berliner Straße/Schloßstraße mindestens 15 Personen dabei waren, kann oder will niemand preisgeben, wer Nevzad G. (38) am frühen Morgen des 5. April dieses Jahres die Lungenschlagader durchtrennte. Viele Tatzeugen wohnen nicht in Offenbach, waren nur zu Besuch dort. Sie trafen sich regelmäßig im Club S. in der Ladenpassage des Eckhauses, der als Treffpunkt von Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien bekannt ist. Am besagten Morgen soll es dort zum Streit zweier Gruppierungen gekommen sein, über dessen Motiv nur spekuliert werden kann.

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Auf den Überwachungsvideos der Passage sieht man Gäste, die den Club verlassen, hin und her laufen. Eine Kamera, die die Außentreppe überwacht, auf der das Opfer die sechs Messerstiche abbekam, gibt es leider nicht. Den Tatort im Blick hat jedoch der kroatische Hausmeister, der den Gebäudekomplex mit Wohnungen, Läden und Kneipen betreut. Er wurde durch Schreie aufmerksam, sah von seinem Balkon aus nach unten - leider zu spät. Das Opfer lag bereits am Boden, jemand kniete neben ihm. Der Zeuge: „Bis auf eine Frau im Blumenkleid hat sich niemand der Umstehenden gerührt. Denn das ist so bei den Jugos: Wenn einer was sagt, ist er der nächste auf der schwarzen Liste!“ Das scheint das Hauptproblem des Prozesses zu sein: Es gibt Personen, die etwas sagen könnten, die aber aus Angst vor Vergeltung gar nicht erst erscheinen oder ihr Wissen nicht preisgeben. So auch die Frau im Blumenkleid. Sie hat aus diesem Grund das Polizeiprotokoll nicht unterschrieben, denn bei ihrer Vernehmung belastete sie „Xiti“, wie Pajazit genannt wird, schwer.

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An ihrer Stelle sagt die Dolmetscherin vor Gericht aus: „Jasmina sagte, Albaner seien bekanntlich blutrachsüchtig, hätten immer ein Messer dabei. Sie war zu der Zeit schwanger, hatte Angst um ihr Kind.“ Sie habe sogar den Mann, der die neun Zentimeter lange Klinge in der Hand hielt, angesprochen, der habe sie aber sofort eingeschüchtert. Den Täter habe sie auf den Videos wiedererkannt. Später widerrief sie diese Aussagen und erklärte, mehrere Männer hätten ein Messer in der Hand gehabt. Die junge Frau lebt in Serbien und besucht ab und an ihre Eltern in Offenbach. Derzeit kann die Hauptbelastungszeugin nicht ausfindig gemacht werden.

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