Erste Flüchtlinge in Edith-Stein-Schule

Zaghafte Annäherung am Bauzaun

Offenbach - Als die Edith-Stein-Schüler gestern Morgen zum Unterricht kommen, verkleinern mit dunkelblauen Planen verkleidete Bauzäune den Schulhof. Die Gesamtschüler überrascht das nicht. Von Rebecca Röhrich 

„Wir möchten einfach wissen, wie es ihnen geht.“ Neugierig auf das Fremde hinter dem Zaun: Die 14-jährige Edith-Stein-Gesamtschülerin Clarissa sagt hallo zum namenlosen Flüchtling.

Seit Freitag wissen sie, dass ihre Einrichtung vorübergehend nicht allein der Bildung dienen wird. Ihre Turnhalle wurde zur Unterkunft für zunächst 365 Flüchtlinge. Einer der Menschen, die in der Nacht zu gestern an die Senefelderstraße gekommen sind, ist Shakib. Der 17-Jährige aus Afghanistan gehört zu den wenigen, die sich am Morgen aus der Turnhalle auf die Straße wagen. Vor dem Schulgelände ist es ruhig. Ein paar DRK-Mitarbeiter stehen bereit, Bundeswehrsoldaten laufen zwischen Edith-Stein- und Anne-Frank-Schule hin und her. Shakib sieht müde aus. Er sei aber froh, hier zu sein, sagt er auf Englisch. Sein Ziel ist Belgien, dort habe er Familie. Dass nebenan Menschen in seinem Alter gerade regulären Unterricht haben, lässt den jungen Mann lächeln. Aber er wirkt ein bisschen traurig dabei, verabschiedet sich freundlich und macht sich daran, die Umgebung seines vorläufigen Zuhauses zu erkunden.

Die Jugendlichen der Edith-Stein-Schule nehmen großen Anteil an der neuen Nachbarschaft. „Als ich in die Schule kam, standen zwei große Reisebusse vor der Turnhalle“, erzählt Firat mit großen Gesten während der Pause. Dass man von den neuen Nachbarn so gar nichts zu sehen bekommt, enttäuscht den 14-Jährigen ein bisschen. „Mich hätte interessiert, was sie so erlebt haben“, sagt er. Zügeln müssen die Lehrer ihre Schüler trotz der Neugier nicht. „Wir hatten überlegt, ob wir uns in den großen Pausen am Zaun postieren sollten, damit die Kinder nicht die ganze Zeit ihre Nasen durch die schmalen Zwischenräume stecken“, erzählt ein Pädagoge. Das sei aber nicht nötig gewesen. Die Schüler hielten sich zurück.

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„Wäre ich in der Situation dieser Menschen, würde ich mich nicht wohl dabei fühlen, so abgetrennt von den anderen zu sein“, sagt Chiara nachdenklich. Ihr Vater sei mit 16 Jahren nach Deutschland bekommen und erzähle häufig von der schwierigen Anfangszeit. Auch für Sara ist das Thema Flüchtlinge nichts Neues: „Ich habe sie schon in Serbien gesehen.“ Sie besuchte dort in den Sommerferien Verwandte. Die Edith-Stein-Schüler wissen also Bescheid und machen aus dem Zaun, der ihren Schulhof teilt, keine große Sache. Nach dem Pausenläuten zockeln sie alle anstandslos in ihre Klassenräume zurück, es wird wieder ruhig auf dem Gelände. Mangels Turnhalle hat eine Klasse den Sportunterricht auf den Hof verlegt. Kein Problem am sonnigen Vormittag.

Flüchtlinge in Offenbach angekommen: Bilder

Schulleiterin Iris Kamarowsky sieht die Situation mittlerweile gelassen. Sie hofft allerdings, dass sich „der Sportunterricht bald wieder sinnvoll realisieren“ lasse. Andere Schulen zeigten sich bei dieser Frage sehr hilfsbereit, freut sich die Rektorin. Konkrete Lösung gebe es aber noch nicht. Kontakt zwischen Flüchtlingen und Schülern sei nicht geplant. Dass die Fremden auf dem Gelände willkommen sind, davon zeugen die großen Willkommensplakate am Gebäude.

Einige Mädchen nehmen die Sache selbst in die Hand. Clarissa, Cleopatra, Viktoria und Celine laufen kichernd über den Schulhof, tuscheln und schauen immer wieder zum Zaun. Sie haben Freistunde, die Absperrung scheint sie magisch anzuziehen. „Wir wollen uns mit den Menschen unterhalten, wir möchten einfach wissen, wie es ihnen geht“, sagt die 14-jährige Cleopatra. Zwei ihrer Freundinnen sind bereits an der Absperrung und linsen durch einen Spalt zwischen zwei Bauzäunen, rufen leise „hallo“. Den Geräuschen nach wird dahinter Fußball gespielt. Plötzlich fliegt ein Ball hoch in die Luft und landet auf dem Schulhof vor der Mädchengruppe. Clarissa wirft ihn lachend zurück, und die Mädchen kleben wieder an der Öffnung. Die Plane geht zur Seite, und der Kopf eines Jungen im gleichen Alter erscheint. Er lächelt unter seiner Kapuzenjacke hervor. Der erste Kontakt scheint hergestellt. Selig gehen die Schülerinnen zurück in den Unterricht.

Rubriklistenbild: © Röhrich

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