Corona-Krise

Schüler tauchen einfach ab: Die meisten in Stadt und Kreis Offenbach

360 Schülerinnen und Schüler blieben während der Corona-Pandemie im Schulamtsbezirk Stadt und Kreis Offenbach für längere Zeit dem Unterricht fern.
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360 Schülerinnen und Schüler blieben während der Corona-Pandemie im Schulamtsbezirk Stadt und Kreis Offenbach für längere Zeit dem Unterricht fern.

Während der Corona-Krise sind in Hessen mehr als 2100 Schülerinnen und Schüler vom Radar der Schulbehörden verschwunden. Die meisten davon in Offenbach.

Offenbach – In Hessen haben die Sommerferien begonnen und die Schulverwaltungen müssen eine wenig schmeichelhafte Bilanz ziehen: Während Corona, insbesondere in Zeiten des Distanzunterrichts, haben sich landesweit 2126 Schülerinnen und Schüler für längere Zeit ungenehmigte Ferien gegönnt. Die meisten abgetauchten Schulpflichtigen gab es mit 360 im Schulamtsbezirk Stadt und Kreis Offenbach, wie die Offenbacher Landtagsabgeordneten Nadine Gersberg (SPD) auf eine Anfrage im Landtag erfahren hat.

„Das Abtauchen kann mehrere Gründe haben: Es kann Schulangst vorliegen oder andere psychische Probleme. Manchmal fehlt aber auch die organisatorische Unterstützung von zu Hause oder technische Voraussetzungen liegen nicht vor, um am digitalen Unterricht teilzunehmen“, sagt Gersberg.

Viele Schulpflichtige einfach „abgetaucht“ in Offenbach: Schulsozialarbeiter fehlen

Für sie zeigen die Zahlen ganz klar: „Wir haben noch immer nicht genügend Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen an den Schulen.“ Das Kultusministerium verweise auf Förderprogramme, aber auch Angebote von Lernarchiven und in Medienzentren, mit denen sich die Lehrkräfte zu dem Thema ja fortbilden könnten – bei Bedarf. „Ich frage mich, wie die Lehrkräfte diese Fortbildungsangebote in Anspruch nehmen sollen. In der Pandemiezeit hat die chaotische Planung der schwarz-grünen Landesregierung zu enormer Mehrbelastung der Lehrkräfte geführt. Sie mussten von heute auf morgen auf digitalen Unterricht umstellen, dann wieder auf Wechselunterricht und zurück.“

Nicht alle Lehrkräfte hätten deshalb die Zeit, sich intensiv um die „abgetauchten” Schülerinnen und Schüler zu kümmern. Für diese Aufgabe brauche es sehr viel mehr Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen, die auch in die Familien gingen. „Hier muss das Land nachsteuern“, so Gersberg.

Lauren Schabacker, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Offenbacher Stadtparlament, ergänzt: „Für die betroffenen Schüler erweckt das Nichtkümmern den katastrophalen Eindruck: Ich fehle, aber niemanden interessiert es.“ Schabacker fordert die Unterstützung des Landes insbesondere bei der Stellenzuweisung für die Grund-, Haupt-, Real- und Gesamtschulen, in denen laut Ministerium die meisten Schülerinnen und Schülern nicht mehr auftauchten.

Offenbach: Nach den Sommerferien 2020 kam es zu einem Anstieg der schulpsychologischen Anfragen

Susanne Meißner, Leiterin des Staatlichen Schulamts für Stadt und Kreis Offenbach, tritt der Kritik entgegen: Zunächst einmal sei der Begriff des „Abtauchens“ ungünstig gewählt, da es sich bei den genannten Fehlzeiten um tageweise oder wochenweise Fehlzeiten handele, und nicht darum, dass Schülerinnen und Schüler völlig verschwänden.

Das Ministerium weist in seiner Antwort an Nadine Gersberg zudem darauf hin, dass die im Zeitraum von März 2020 bis Februar 2021 erfassten 2126 Schülerinnen und Schülern 0,3 Prozent aller Schulpflichtigen an öffentlichen Schulen in Hessen ausmachen.

Das Staatliche Schulamt für Stadt und Kreis, betont Susanne Meißner, sei im Bereich der Schulpsychologie gut aufgestellt. Sie räumt ein: „Nach den Sommerferien 2020 kam es zu einem Anstieg der schulpsychologischen Anfragen, auch zu den Themen Schulabsentismus und sozialen Ängsten. Es folgten Beratungsangebote im Einzelfall für Schüler sowie für Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter und Eltern.“

Schulpflichtige „abgetaucht“ in Offenbach: Sozialpädagogen im Kollegium werden gebraucht

Die Schulpsychologen hätten im Zuge der Beratung zahlreiche Maßnahmen empfohlen, welche im Bedarfsfall von der Notbetreuung über die Einbeziehung des Jugendamts bis hin zur Einleitung eines Bußgeldverfahrens gereicht hätten. Meißner: „Es wurden zudem Empfehlungen für den häuslichen Bereich, zum Beispiel bei der Arbeitsplatzgestaltung, der Rhythmisierung des Vormittags oder auch mit Blick auf Entlastungsstrategien ausgesprochen.“

Weiterhin hätten die Schulen Sozialpädagogen im Kollegium, die auch während der Corona-Pandemie unterstützend gewirkt hätten. „Diese vor einigen Jahren neu geschaffenen Stellen werden von den Schulen als sehr hilfreich angesehen. Und dem Staatlichen Schulamt werden im kommenden Schuljahr 14 zusätzliche Stellen zugewiesen“, so die Amtsleiterin. Offenbach profitiere zudem davon, dass in Hessen die Schulen zusätzlich zur Grundunterrichtsversorgung Zuschläge in Bezug auf die Sozialstruktur und den Anteil an Schülerinnen und Schülern mit nicht deutscher Herkunftssprache erhielten. Den Vorwurf des „Nichtkümmerns“ hält Susanne Meißner jedenfalls für unangebracht. (Matthias Dahmer)

Der Distanzunterricht in Offenbach stellte Lehrer und Schüler vor neue Herausforderungen. Erfolg beim digitalen Lernen ist nicht zwingend von der technischen Ausstattung abhängig.

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