Prozess

Paul M. kommt hinter Gitter - Mordmerkmale nicht nachgewiesen

+
Der Tat von Paul M. konnten die Mordermerkmale nicht nachgewiesen werden. 

Das Urteil gegen Paul M. ist gefallen: Mordmerkmale stellte der Richter dabei nicht fest. Die Tat hat die Familie erschüttert.

Offenbach - Paul M. erstach am 18. März dieses Jahres in der Luisenstraße in Offenbach seine Lebensgefährtin und flüchtete anschließend mit seinem Motorroller ins westfälische Münster. Jetzt wurde der bis dato gesetzestreu lebende Rentner vor dem Landgericht Darmstadt verurteilt. Die Elfte Strafkammer verkündete aber nicht, wie erwartet, lebenslänglich: Der 70-Jährige muss „nur“ für zehn Jahre hinter Gitter - wegen Totschlags.

Darmstadt: Paul M. nahm Kindern in Offenbach die Mutter

Für die gemeinsamen erwachsenen Kinder wird er dennoch immer der Mörder bleiben, der ihnen die Mutter genommen hat. Alle drei hatten über ihre Nebenklagevertreterinnen auf größtmögliche Schuld plädiert und damit die Ausführungen von Staatsanwältin Lydia Wurzel bestätigt. Das diese nun in Revision gehen wird, ist aber unwahrscheinlich: „Niedrige Beweggründe als Mordmerkmal sind ein sehr dehnbarer Begriff und nicht leicht zu beweisen. Auf dieser Grundlage ist das Urteil nur schwer angreifbar“ so die Staatsanwältin. 

Offenbach: Paul M. handelte wohl aus Eifersucht

Laut seines eigenen Geständnisses hatte M. zwei Wochen vor der Bluttat über die Kinder erfahren, dass seine Lebensgefährtin einen anderen hatte. Nach einem whiskyträchtigen Sonntag, dem 27. Geburtstag des Ältesten, will es der Angeklagte genau wissen und bittet die 57-jährige am frühen Montagmorgen zum Gespräch. Als diese den bangen Verdacht bestätigt, brennen bei ihm alle Sicherungen durch – auf einen Schlag verglühen 30 gemeinsame Jahre. 

Er nimmt das für die Fotosafari bereitgestellte Stativ und schlägt auf die Frau ein. Dann greift er zum Küchenmesser und sticht dreimal in ihren Hals. Das Opfer hat keine Chance, stirbt am Blutverlust der durchtrennten Halsschlagader und einer Luftembolie. Dann flüchtet er, jedoch nicht ohne dem ältesten Sohn noch einen bösen Zettel zu hinterlassen: „Na, immer noch große Schnauze du Möchtegern? Jetzt musst du wohl gehen. Deine Mutter hatte auch die Schnauze voll von dir!“ 

Offenbach: Paul M. hat „vor sich hin existiert“

Die Kernfrage des nur zweitägigen Prozesses war von Anfang an klar: Handelt es sich um einen mies geplanten Mord oder einen Totschlag im Affekt, wie Verteidigerin Raluca Ricker betont. Die Definition allein auf einen niedrigen Beweggrund zu basieren, ist ihr zu wenig. „Es ist per sé niedrig, einen anderen Menschen zu töten. Für Mord muss da noch etwas mehr dazu kommen!“ plädiert Ricker. 

Der Vorsitzende Richter Volker Wagner sieht die Sache ähnlich: „Ein geschriebener Zettel an die Kinder begründet keine Niedrigkeit.“ Doch was war das für ein Mensch, der aus Eifersucht spontan zum letzten Mittel greift? Gutachter Dieter Jöckel bringt die Jahrzehnte im Familienverbund auf einen einzigen Punkt: „Er hat wie eine Katze im Haushalt vor sich hin existiert.“ Auf Kosten der Familie habe M. gelebt, was mehr oder minder so akzeptiert wurde. 

Offenbach: Paul M. voll schuldfähig und für Tat verantwortlich

Trotzdem zeigt die Tochter Verständnis, als der Angeklagte ihr in der Nacht vor der Tat von dem Verdacht des Nebenbuhlers erzählt: „Ich bin auch schon zweimal verlassen worden. Ich weiß, wie das ist.“ erklärt die 26-jährige dem Vater. Er habe noch versucht, an der Beziehung festzuhalten und etwas zu retten, war hilflos. Kein Zeichen also für eine geplante Tötung. Ebenso die Reihenfolge der gefährlichen Werkzeuge: „Wenn ich jemanden töten will, dann nehme ich nicht erst das Stativ. Das ist kein Mordwerkzeug“, stellt Wagner fest. 

Dass der Alkohol eine maßgeblich benebelnde Rolle gespielt haben könnte, ist unwahrscheinlich. Die aufgrund fehlender genauer Flüssigkeitsangaben recht vage Berechnung des Gerichtsmediziners kommt zu einem Ergebnis von rund 1,5 Promille. Sicher ist dagegen, dass M. voll schuldfähig und für die Tat verantwortlich ist. Keine psychische Erkrankung, nur eine nicht schuldmindernde Störung wird diagnostiziert. 

Offenbach: Paul M. bereut seine Tat

„Vor uns sitzt eine schizoide Persönlichkeit“, stellt Psychiater Jöckel fest. „Es ist nicht auszuschließen, dass M. seine Lebensgefährtin zurückgewinnen wollte und es dabei zu einem Streit kam. Aufgrund von M.s beschränkter Fähigkeit, mit Konflikten umzugehen, sah er keine andere Möglichkeit, als die der Gewalt. Das war er sich selbst schuldig!“ so Wagner in seiner Urteilsbegründung. 

Und seine Reue sei nicht geheuchelt. Im letzten Wort hatte der Rentner erklärt, das es ihm schrecklich leid tue und er bestraft werden müsse: „Ich weiß, was ich den Kindern angetan habe!“ Der älteste Sohn verließ nach der Urteilsverkündung weinend den Gerichtssaal.

Von Silke Gelhausen

Ex-Freundin getötet: Urteil gegen Paul M. ist gefallen – Sohn wählt vernichtende Worte.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare