Zehn-Punkte-Programm gegen Fluglärm

Fraport soll zahlen

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Symbolbild

Offenbach - Ihre Maximalforderung werden Bürgerinitiativen und Montagsdemonstranten vergeblich im neuen Zehn-Punkte-Programm der Stadt Offenbach zur Reduzierung des Fluglärms suchen. Von Thomas Kirstein

Die Schließung der 2011 in Betrieb genommenen und die Stadt schwer belastenden Landebahn Nordwest am Frankfurter Flughafen wird explizit nicht verlangt. Da setzt die Stadt lieber weiter auf ihre diversen Klagen beziehungsweise die von Bürgern und Klagegemeinschaften. Die „werden mit dem Ziel weitergeführt, den Planfeststellungsbeschluss aufzuheben und so die Suche nach raumverträglichen Standortalternativen erneut aufzunehmen“. So erklärt es Bürgermeister Schneider im Vorwort zum Forderungskatalog: Wer mag, kann das als verklausulierte Schließungsaufforderung interpretieren.

Die Stadt Offenbach hatte in allen Verfahren zum Flughafenausbau immer erklärt, dass sie diesen nicht grundsätzlich ablehne. Allerdings, so hieß es stets, müsse die Variante eine sein, die Offenbach auch verkraften können - „raumverträglich“, siehe oben, heißt das dafür gefundene Planer-Kunstwort.

Längst spüren viele Offenbacher, was Peter Schneider so formuliert: „Der umgesetzte Ausbau ist nicht raumverträglich und belastet Offenbach zusätzlich und stärker als jede andere Kommune.“ Trotz bereits erzielter Erfolge wie der bescheidenen theoretischen Flug-Ruhezeit zwischen 23 und 5 Uhr...

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Deshalb nimmt sich die Kommune auch heraus, mit eigenen und die besondere Situation berücksichtigenden Forderungen vorzupreschen. Dabei wird betont, dass man sich als Teil der Anti-Fluglärm-Bewegung in der gesamten Region verstehe, „deren Forderungen wir teilen und aktiv unterstützen“.

Aber: Offenbach ist in besonderem Maß spezifisch betroffen. Konkret listet der Bürgermeister auf: Der Fluglärm über der Stadt schädigt die Gesundheit der Bürger, bewirkt bedeutende materielle Schäden für Stadt und Wirtschaft, stört die Entwicklung von Schulkindern und Jugendlichen.

Deshalb gestattet sich die Stadt auch die eine oder andere Idee, deren Umsetzung sich nicht unbedingt vorteilhaft auf alle Nachbarn auswirkt.

Wofür sich die Stadt Offenbach „mit allem Nachdruck einsetzen wird“:

  • Lärmobergrenze und Deckelung der Anzahl von Flugbewegungen: Das Land soll verbindlich festlegen, wie laut es über der Region sein darf. Die Obergrenze soll jährlich gesenkt werden, bis ein Wert von 50 Dezibel am Tag nicht überschritten wird. Davon verspricht man sich, dass Luftflotten schneller modernisiert werden. Außerdem ist die Anzahl der Flugbewegungen jährlich zu begrenzen. Von derzeit 480  000 Flügen haben 180  000 keinen Bezug zum Drehkreuz Frankfurt oder sind „verlagerungsfähige Kurzstreckenflüge“.
  • Erstellung einer Luftverkehrsprognose: Bisher geschätzte Flug- und Passagierzahlen werden wohl kaum erreichbar sein. Deshalb müssen verlässliche Daten bis 2020 her, auch um zu ermitteln, ob überhaupt ein neues Terminal 3 notwendig wird.
  • Rücknahme der großflächigen Siedlungsbeschränkung: Die ist ohnehin nicht für den Schutz der Bevölkerung gedacht, da sie künftige Entwicklungen berücksichtigt. Bereits jetzt wohnen 80 Prozent der Offenbacher unter den „Schutzzone“ genannten Einflugschneisen.
  • Nachtflugverbot in der gesetzlichen Nacht von 22 bis 6 Uhr: Die derzeit theoretische Nachtruhe verkürze sich durch An- und Abflugzeiten auf fünfeinhalb Stunden.
  • Reduzierung der Rückenwindkomponente: Es soll nicht mehr so häufig wie jetzt erlaubt sein, entgegen fliegerischer Grundsätze mit dem Wind zu starten. Dieses Verfahren führt dazu, dass mehr Jets über Offenbach starten, als nötig wären. Eine Änderung würde Gebiete im Westen der Region treffen. 
  • Dauerhafter finanzieller Ausgleich für alle lärmbelasteten Kommunen: Nicht länger auf die öffentliche Hand sollen Kosten des Flugbetriebs abgewälzt werden. Die Fraport AG soll zehn Prozent der Einnahmen aus den Flughafenentgelten in einen von der Landesregierung zu gründenden Regionalfonds einzahlen, aus dem Schallschutz und Strukturhilfen finanziert werden.
  • Erhöhung des Anflugwinkels: Gehen Flugzeuge um 3,5 Grad und nicht mehr um 3 Grad runter, sind sie über Offenbach 140 Meter höher und damit etwas leiser. 
  • Landeschwellen auf der Südbahn versetzen: Wenn die Flugzeuge später aufsetzen, bringt das nochmal 85 Meter mehr über Offenbach. 
  • Regelmäßige Nutzung des segmentierten Anflugverfahrens: Dabei fliegen die Piloten Kurven um dicht besiedelte Gebiete herum; das trifft weniger dicht besiedelte. 
  • Vorgeschaltete, ergebnisoffene Bürgerbeteiligung: Die Flughafen-Nachbarn sollen bei der Festlegung von Flugrouten und anderen Entscheidungen mitreden dürfen.

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