Zeichnender Chronist der Romantik

Ludwig Emil Grimms Lebenserinnerungen 

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Ludwig Emil Grimm im Selbstporträt, Radierung

Offenbach - Neben seinen weltberühmten Geschwistern Jacob und Wilhelm ist er der bekannte Unbekannte: Ludwig Emil Grimm, zeichnender und malender jüngerer Bruder der Märchensammler. Von Christian Riethmüller

Ein prächtiger Folio-Band versammelt nun die Lebenserinnerungen des Mannes, der unser Bildgedächtnis der Romantik entscheidend geprägt hat.  Ludwig Emil Grimm kam am 14. März 1790 in Hanau zur Welt, doch seine frühesten Kindheitserinnerungen verbindet er mit Steinau an der Straße. Dorthin war sein Vater Philipp Wilhelm als Justizamtmann versetzt worden, wo er sich im Auftrag des Landesherrn in Hanau um die Verwaltung zu kümmern hatte.

Grimms Illustration „Theaterwahnsinn“ Fotos: Verlag

Im idyllischen Kinzigtal, in den Gärten, Feldern und Wäldern rund um Steinau will Ludwig nach eigenem Bekunden den Künstler in sich entdeckt haben: „Meine große Neigung zur Kunst legte ich schon in Steinau als Kind an den Tag und malte Blumen, Vögel, Landschaften usw. ohne die geringste Anleitung“, schreibt er in seinen Lebenserinnerungen, die nun in einem wundervoll gestalteten Folio-Band in der Anderen Bibliothek erschienen sind. In dem von den schon öfter als literarische Schatzsucher erfolgreichen Experten Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz vorbildlich editierten Buch ist erstmals die kommentierte Urfassung des Manuskripts von Ludwig Emil Grimm zu finden, dessen Original im Besitz der Stadt Kassel ist. Zwar hat es bereits zwei Ausgaben der vermutlich zwischen 1835 und 1850 geschriebenen Lebenserinnerungen Grimms gegeben, doch fehlen sowohl der 1911 in Leipzig von Adolf Stoll herausgegebenen Edition wie auch der 1950 von Wilhelm Praesent in Kassel und Basel editierten Fassung verschiedene Passagen. Die sind weggelassen oder - wie bei Stoll - umgeschrieben worden. Auf solche Eingriffe haben Boehncke und Sarkowicz laut ihrer editorischen Notiz weitestgehend verzichtet und nur sehr behutsam sprachliche Modernisierungen an den Grimm-Aufzeichnungen vorgenommen. Sie haben vor allem Absätze eingezogen und die vielen fehlenden Satzzeichen eingefügt, um so eine bessere Lesbarkeit zu gewährleisten.

In edler Aufmachung: Die Lebenserinnerungen Grimms

So lässt sich nun ein bemerkenswerter Chronist entdecken, der sich nicht nur in farbigen Beschreibungen seines Daseins etwa in München, Göttingen oder Italien erinnert, sondern eben auch über die vielen Begegnungen mit den Größen seiner Zeit zu berichten weiß, darunter Clemens Brentano, Heinrich Heine oder Bettine und Achim von Arnim. Wenn wir uns heute auch ein Bild dieser berühmten Gestalten der Goethe-Zeit machen können, ist dies Ludwig Emil Grimm zu verdanken. Der hat sie und viele andere in Zeichnungen, Radierungen und Gemälden festgehalten, von denen einige zu den bekanntesten Porträts der Romantik gehören, darunter etwa das Doppelporträt seiner Brüder Jacob und Wilhelm aus dem Jahr 1843 oder aber die Zeichnung der „Märchenfrau“ Dorothea Viehmann aus dem Jahr 1814. Eine Radierung aus dem Jahr 1819, die gleichfalls Dorothea Viehmann zeigt, schmückte den Einband der zweiten Auflage der Grimm’schen „Kinder- und Hausmärchen“, in der auch erstmals ein Bild zu einem der Märchen der Grimms erschien. Es war auch Ludwig Emil, der die Hexe zu „Hänsel und Gretel“ zeichnete oder Schneewittchen ein Antlitz gab und so die märchenhaften Vorstellungen von Generationen beeinflusste. Zwar setzte Ludwig hier die klaren Vorgaben seines Bruders Wilhelm zeichnerisch um, doch soll dies seinen künstlerischen Wert nicht schmälern, war er doch nicht umsonst von 1832 an Professor an der „Akademie der Bildenden Künste“ in Kassel und 1825 gemeinsam mit Gerhard Wilhelm von Reutern Gründer der Willingshäuser Malerkolonie. Den erzählenden Maler Ludwig Emil Grimm zur Wiederentdeckung freizugeben, ist das große Verdienst dieser edel aufbereiteten, von Barbara Kloth hinreißend gestalteten Edition, für deren Einband der aus Kassel stammende Künstler Albert Schindehütte eigens eine Illustration geschaffen hat.

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