Zeit für den „Offenbach-Pass“?

Offenbach - Generell bewegt sich der Spielraum eines Parlaments in Grenzen. Vornehmlich Abgeordnete von Regierungsparteien umschreiben gern ihre eigene Ohnmacht mit dem Verweis darauf, „dass die Politik auf das Problem keinen Einfluss hat“. Von Stefan Mangold

Über gar keine Macht verfügt das Kinder- und Jugendparlament. Aber irgendwie könnte manch erwachsenen Parlamentarier ein flaues Gefühl beschleichen, wenn die Kinder und Jugendlichen etwas fordern, das vernünftig scheint, aber wenig Chance hat, sich in der Praxis wiederzufinden.

Dennis Lat ist seit 2010 der Vorsitzende des Offenbacher Kinder- und Jugendparlaments. Im nächsten Jahr wird er aller Voraussicht nach an der Leibnizschule sein Abitur absolvieren. Anschließend will Lat „Medizin studieren, um Kardiologe zu werden“. Ein Berufswunsch, der überrascht. Eher vermutete der Zuhörer beim eloquenten und routiniert moderierenden 17-Jährigen einen Kopf, den es auf Felder zieht, auf denen die Rhetorik eine gewichtigere Rolle spielt als in der Medizin.

„Kinderarmut, Bildung und Teilhabe in Offenbach“

Aus dem jüngsten Bericht der Mainarbeit zum Thema „Kinderarmut, Bildung und Teilhabe in Offenbach“ liest der Vorsitzende am Mittwochabend im großen Sitzungssaal des Rathauses während der 4. Vollversammlung des 7. Kinder- und Jugendparlaments vor. Im Blickpunkt stehen die fast 6000 Kinder und Minderjährigen in der Stadt, die nicht von dem leben können, was ihre Eltern verdienen, sondern mit dem aufwachsen, was früher Sozialhilfe hieß und heute Hartz IV heißt. Das Parlament diskutiert die Einführung eines Passes für Kinder aus solchen Verhältnissen.

Wer den vorzeigt, soll etwa billiger Bus und S-Bahn fahren dürfen. Denn im Moment gilt die Regelung, dass die Stadt Fahrtkosten zur Schule für die Empfänger sozialer Transfers nur erstattet, „wenn der Schüler mindestens drei Kilometer von der Schule wohnt“. Wem hundert Meter fehlen, der hat Pech und muss laufen. Besonders für junge Schüler sei es nicht akzeptabel, wirft eine Jugendliche ein, „durch eine für sie gefährliche Gegend gehen zu müssen“.

Bisherige Regelung hat ihre Tücken

Die bisherige Regelung habe ohnehin ihre Tücken, wirft ein Oberstufenschüler der Leibnizschule ein. Die liege von seinem Haus in Bürgel viereinhalb Kilometer entfernt. Wären seine Eltern Bezieher von Hartz IV, „bekäme ich keinen Zuschuss“. Denn die Schulform zähle ebenfalls. Die Rudolf-Koch-Schule sei ein Gymnasium, das weniger als drei Kilometer entfernt von ihm liege. Deshalb müsste er, wenn seine Eltern über ein schwaches Einkommen verfügten, auf diese Schule gehen, um Fahrtkosten erstattet zu bekommen – oder den längeren Weg zur Leibnizschule zu Fuß gehen.

Falsch sei das, bewerten die meisten jugendlichen Abgeordneten die bestehende Regelung. Das Parlament fordert stattdessen die Einführung eines „Offenbach-Passes“, analog zum „Frankfurt-Pass“, der es Einzelnen und Familien mit einem niedrigen Einkommen ermöglicht, für öffentliche Verkehrsmittel verbilligte Karten zu kaufen oder günstig ins Museum zu gelangen.

Nur zwei Abgeordnete gegen den Pass

Nur zwei Abgeordnete sind bei der Abstimmung gegen den Pass. Dennoch wird das Vorhaben ins Leere laufen. Denn der Bericht der Mainarbeit, aus dem Lat zitiert, hält den „sozialen Nutzen für nicht gesichert“. Ohnehin könnten „die hohen Kosten angesichts der schwierigen Finanzlage der Stadt nicht aufgebracht werden“.

Auch abseits dieser Debatte spielt der Lebensraum Schule eine große Rolle. Die Kinder wünschen sich mehr Spielgeräte auf dem Pausenhof, mehr Sitzgelegenheiten in der Cafeteria, und ein junger Schüler fordert „saubere Klos“ ein. Darüber hinaus berichtet Dr. Michael Koch vom Jugendamt über diverse Ferienfreizeiten der Jugendhäuser.

Rubriklistenbild: © dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare