Malocher zweiter Klasse

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Gestern gab’s eine höchstrichterliche Breitseite für die Zeitarbeitsbranche: Das Bundesarbeitsgericht sprach der Tarifgemeinschaft Christlicher Gewerkschaften für Zeitarbeit und Personalserviceagenturen die Tariffähigkeit ab.

Offenbach ‐ Der Mann ist rumgekommen in der Welt. War unter anderem Verkäufer in den USA, hat in der Karibik Inselrundfahrten organisiert, im heimischen Deutschland mehrere Jahre im Messebau gearbeitet. Von Matthias Dahmer

Sicher ist: Bernd M., der seinen richtigen Namen nicht öffentlich genannt haben möchte, lässt sich beruflich nicht so schnell unterkriegen. Was den 51-jährigen Hessen wirklich ärgert, was ihm auf der Seele brennt, sind die Bedingungen, unter denen hier Leiharbeiter beschäftigt werden. Er kann ein Lied davon singen: Erzählt von der Fischfabrik auf Rügen, wo der gelernte Kfz-Mechaniker für 4,67 Euro brutto die Stunde geschuftet hat, teilweise bis zu 250 Stunden im Monat. Berichtet von Unternehmen in der Region, die sich nicht von ungefähr gerne der Lohnkosten sparenden Mitarbeiter von Zeitarbeitsfirmen bedienen.

So gibt’s für ihn als Produktionshelfer in einer Lackfabrik 7,38 Euro, der Festangestellte neben ihm bekommt 14 Euro. Beim Zulieferer für die Automobilbranche hat der Feste am Monatsende 2.000 Euro netto in der Tasche, Bernd M. gerade mal 900 Euro brutto. „Für die gleiche Arbeit“, wie er betont. Teilweise würde die Stammbelegschaft zudem nach einem Prämiensystem entlohnt und deshalb Druck auf die Leiharbeiter ausüben.

„In Frankreich“, sagt Bernd M., „gibt es für Zeitarbeiter wenigstens einen Mindestlohn.“ Doch hier muss der Aufstocker, der zusätzlich um die 130 Euro von der Mainarbeit erhält, regelmäßig bei den Sozialbehörden vorsprechen und erklären, warum es trotz Arbeit nicht reicht, schimpft der Mann, der an sich eigentlich den Anspruch hat, „dem Staat nicht auf der Tasche zu liegen“. Man könne es den Leuten wegen dieses Systems nicht übel nehmen, wenn sie auf Hartz IV und Schwarzarbeit umstiegen, sagt er.

Vom Wenigen, das bleibt, berichtet Bernd M. weiter, versuchten ihm auch noch die Arbeitgeber, sprich die Verleihfirmen, mit Tricks etwas vorzuenthalten. Beliebtes Vorgehen: Der Leiharbeiter habe zum Beispiel acht Tage Bereitschaft, das Unternehmen, das ihn entliehen hat, benötigt ihn aus welchen Gründen auch immer nur drei Tage. Die restlichen Tage, das hat M. mehrfach erlebt, werden von der Zeitarbeitsfirma, die eigentlich den Lohn weiterzahlen muss, einfach als „unentschuldigtes Fehlen“ verbucht. Folge: Der Leiharbeiter erhält entweder kein Geld oder muss es notfalls gerichtlich eintreiben. „Viele Leiharbeitnehmer prüfen das nicht nach, besonders Migranten, die Sprachprobleme haben, sind betroffen.“ Und das Geld für einen Rechtsanwalt hätten die meisten der Betroffenen ohnehin nicht.

Die Zahl der Leiharbeiter, sagen die Statistiken, steigt ständig. Die Zeitarbeitsbranche hat im Juni dieses Jahres mit 826 000 Beschäftigten einen neuen Rekord erreicht. Die IG-Metall betrachtet auch in Offenbach die Entwicklung mit Sorge. Sie geht von 1 200 bis 1300 Menschen allein in der Metallbranche aus. Im Einzelhandel sei die Zahl noch viel höher.

Bei der Offenbacher Agentur für Arbeit mag man die dort vorliegende Statistik zwar nicht kommentieren. Doch sie spricht für sich: Die Zeitarbeits-Jobs machten in den vergangenen Monaten mehr als die Hälfte der gemeldeten freien Stellen aus.

Leiharbeits-Kritiker weisen auf den Langzeiteffekt des Systems hin: Niedrige Löhne bedeuten auch weniger Geld in den öffentlichen Sozialversicherungskassen, haben zur Folge, dass höhere Beiträge fällig werden.

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