Blindgänger auf der A3 entschärft

Zeitbomben ticken weiter

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Offenbach - Der hessische Verkehrsminister Tarek Al-Wazir ist geschockt: „Da hält man den Atem an und hofft, dass alles gut geht“, sagte er gestern bei der Besichtigung des Bomben-Kraters auf der A3 über seine Gefühlslage, als er am Dienstagnachmittag über den Bombenfund informiert wurde. Von Achim Lederle

Es ist noch einmal alles gut gegangen, der hessische Kampfmittelräumdienst (KMRD) hat ganze Arbeit geleistet, das Krisenmanagement funktionierte. Aber was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Gefahr auf der Autobahn 3 und anderswo nicht gebannt ist: Unter dem Boden liegen weiter unzählige Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Genaue Zahlen kennt niemand, aber beim KMRD geht man davon aus, dass zehn bis 30 Prozent aller über Hessen abgeworfenen Bomben nicht explodiert sind und als tickende Zeitbomben weiter im Boden schlummern. Mit rund 1,35 Millionen Tonnen Bomben überzogen britische und US-amerikanische Flieger das Deutsche Reich am Ende des Zweiten Weltkrieges.

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Wenn es glücklich läuft, dann werden die Blindgänger beispielsweise bei Bauarbeiten gefunden und entschärft. Wenn es aber schlecht läuft, gehen sie in die Luft: Wie am 23. Oktober 2006, als eine alte Bombe auf der A 3 bei Aschaffenburg detonierte und einen Bauarbeiter in den Tod riss. Auf die einfache Frage, ob das hessische Verkehrsministerium nach diesem Vorfall nun die A 3 und Umgebung systematisch nach Blindgängern absucht, gab es gestern keine Antwort. Verwiesen wurde auf Hessen Mobil. Dort windet sich die Mitarbeiterin und erklärt, dass eine gründliche Überprüfung schwierig ist, weil an der Autobahn überall Metall verbaut ist und die Detektoren anschlagen.

Wie es derzeit funktioniert, erläutert Dieter Ohl vom Regierungspräsidium (RP) Darmstadt: Jeder Grundstückseigentümer kann bei Bauarbeiten beim RP nachfragen, ob er in Bombengebiet buddelt. Bei öffentlichen Baumaßnahmen sei diese Nachfrage obligatorisch. „Wir können auf Luftbildern aus dem Zweiten Weltkrieg genau erkennen, wo Trichter von Bomben sind, die nicht gezündet haben“, so Ohl. Falls ein Bombenverdacht besteht, überprüft dies ein privater Kampfmittelräumdienst. Diesen muss der Auftraggeber bezahlen. Erst wenn der „Vortrupp“ etwas findet, schaltet sich der staatliche Räumdienst ein. Etwa 3000 Anfragen aus ganz Hessen gebe es so jährlich im RP.

Krater auf der A3, Stau in der Region

Krater auf der A3, Stau in der Region

Die Bomben-Stellen seien oft seit langem bekannt - wie auf dem ehemaligen Kasernengelände in Münster bei Dieburg. „Dort ist ein ganzer Wald gesperrt, wo Bomben gesucht werden.“ Oft sind die Abwurfstellen jedoch nicht bekannt, weil nicht gezielt gesucht wird. Ohl unterstreicht: „Das RP schaltet sich erst bei einem Verdachtsfall ein.“ Und: „Wir werden noch jahrzehntelang mit dem Blindgänger-Problem leben müssen.“ Erschwerend kommt hinzu, dass die Bomben nicht irgendwann vermodern: So sagte der Chef des Munitionsbergungsdienstes in Mecklenburg-Vorpommern, Robert Mollitor, gestern der Nachrichtenagentur dpa, dass die Altlasten nicht an Sprengkraft verlieren, sondern mit der Zeit sogar gefährlicher werden.

Die Zünder würden durch Korrosionsprozesse noch empfindlicher. Bomben können Jahrzehnte lang stabil im Boden liegen, ohne dass jemand etwas merkt, so der Chef des hessischen KMRD, Gerhard Gossens. Ob und wann sie explodieren, sei nicht vorhersehbar. „Das kann noch zehn oder 20 Jahre gutgehen - oder nur noch einen Tag.“ Unter Lebensgefahr für sich und sein Team hat Gossens die Bombe auf der A 3 zu entschärfen versucht und dann kontrolliert gesprengt. Lebensgefahr besteht streng genommen weiter: Und zwar für alle Autofahrer auf der A 3 und anderswo, unter deren Reifen die Weltkriegsbomben weiter ticken.

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