Zeitungsausträger bei der Offenbach-Post

75 Tonnen Papier transportiert

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Die Nacht ist ihr Freund: 450 Träger bringen die Zeitung zum Leser – teils seit Jahrzehnten.

Offenbach - 300 Tage im Jahr seit 50 Jahren, das addiert Ilse Christ auf 15 000 Tage. „In dieser Zeit habe ich 75 Tonnen Papier mit dem Fahrrad durch die Gegend transportiert“, schätzt die Langenerin. Von Markus Terharn

„Das hatten wir noch nicht so oft“, weiß Burghard Aul, Vertriebschef unserer Zeitung: „Tag für Tag, bei Wind und Wetter...“ Zu diesem seltenen Jubiläum gratuliert Aul der Rentnerin von ganzem Herzen. Seinen Glückwünschen schließt sich Geschäftsführer Thomas Kühnlein an.

Präsentkörbe und finanziellen Obolus vom Pressehaus Bintz-Verlag erhalten auch Edith Schnell, Manfred Münz und Holger Horster. Sie stellen seit einem Vierteljahrhundert die Tageszeitung zu. Ein Job, der im Lauf der Zeit nicht einfacher geworden ist, wie Aul betont: „Durch die vielen Druckaufträge wird das Zeitfenster für die Zusteller immer enger.“ Zwischen 3 und 6 Uhr früh, während die meisten Menschen schlafen, sind sie unterwegs. Und das nicht nur mit Offenbach-Post, Hanau-Post und Langener Zeitung. Sondern auch mit Frankfurter Allgemeine, Frankfurter Rundschau, Frankfurter Neue Presse und und und. 28 Titel liefert unser Vertrieb frei Haus.

Für diese Arbeit scheint es eine genetische Disposition zu geben. Holger Horster hat sie praktisch von den Eltern geerbt. 1978 fingen Günter Horster, legendärer Platzwart der Kickers, und seine Frau Gudrun an. Sohn Holger (43) musste warten, bis er volljährig war. Trotz nächtlicher Dienstzeit kennt der Offenbacher viele seiner Kunden persönlich: „Vor allem die Älteren stehen schon am Gartenzaun und warten auf mich“, schmunzelt er. „Einige sagen, sie erkennen mich bereits am Schritt.“ Er steht um 1.30 Uhr auf, stellt in Bieber, Waldhof und rund um die Gaußstraße zu, legt sich um 6 nochmal aufs Ohr und sitzt um 9.30 Uhr im Büro, im Hauptberuf als Versicherungskaufmann.

Offenbach-Post: Von der Recherche bis zur Zeitung

Manfred Münz wohnt in Rodgau, hat seine Bezirke indes in Heusenstamm, wo er früher gelebt hat. Da steht sein Fahrrad in einer gemieteten Garage, Regenkleidung auf dem Gepäckträger. Romane könne er schreiben über das, was er erlebt habe, sagt der 75-jährige Rentner und erzählt: Vom Großbrand in einer Schreinerei über den Raubüberfall mit Körperverletzung bis zur alten Dame im Straßengraben und einer nackten Dementen vor ihrem Haus reicht das Spektrum der Vorfälle, die Münz der örtlichen Polizeistation gemeldet hat. „Ich habe die Nummer im Handy gespeichert.“

Auch Edith Schnell hat aus ihren Gebieten in Waldheim und im Offenbacher Süden eine Menge zu berichten. „Einmal ist mir ein Hammel hinterher gerannt, der dem Schlachter entronnen ist“, erinnert sich die fitte 68-Jährige. „Ich habe mächtig in die Pedale getreten – er hat mich nicht gekriegt!“ Es sei zwar einiges an Fahrerei, „aber ich bekomme viel Trinkgeld“.

Ideale Tätigkeit

Ilse Christ hat sogar schon einen Hundertmarkschein unter der Matte gefunden. „Da habe ich nachgefragt, ob das so seine Richtigkeit hat.“ Doch, doch, das habe sie sich verdient, hieß es.

Für Christ war es die ideale Tätigkeit: „Als meine vier Kinder klein waren, konnte ich den ganzen Tag zu Hause sein, und es hat ihnen an nichts gefehlt.“ Was Tochter Marion, längst erwachsen, nur bestätigen kann: „Wir haben gar nicht mitbekommen, dass sie weg war. Wenn wir aufgestanden sind, war sie ja wieder zurück.“

Ihre Zustellbezirke sieht die 76-Jährige, wie ihre Kollegen, trotzdem bloß im Dunkeln, oft bei Regen, Schnee oder Glatteis. Ans Aufhören denkt sie jedoch noch lange nicht: „Ich helfe weiterhin gern aus!“

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