Zeugnisse vergessenen Kapitals

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Wie die Unternehmen, so die Stadt: Um an flüssige Mittel zu kommen, werden  Schuldverschreibungen ausgegeben. Diese gehören zum Bestand des Stadtmuseums.

Offenbach - Wenn Dorothea Held ihr Aktiendepot sichtet, blickt sie auf zerronnene Vermögen. Dorothea Held ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Haus der Stadtgeschichte. Dort hütet sie, was an alten Münzen und Wertpapieren archiviert ist. Von Lothar R. Braun

Einen realen Wert haben die Papiere nicht mehr, doch das macht sie nicht wertlos. Seine jüngste Erwerbung ersteigerte das Haus der Stadtgeschichte zum Liebhaberpreis von 1400 Euro. Es ist ein Anteilschein des Turnvereins Offenbach. Zur Finanzierung des Turnhallenbaus an der Goethestraße ist er im April 1885 für fünf Mark verkauft worden. Es gab auch Scheine zu 20 und 50 Mark. Sie ließen sich, sagen die Chroniken, leicht verkaufen im Offenbach von damals.

Die Ersteigerung im Kunsthandel konnte das Haus der Stadtgeschichte mit Spendengeldern bestreiten. „Das Geld stammt aus der Spendenbox“, sagt Dr. Jürgen Eichenauer, der Leiter des Hauses. Die im Museum aufgestellte Box ermuntert Besucher, ein Dankeschön zu hinterlassen, eine Anerkennung, ein Trinkgeld, wie immer das verstanden werden mag. „Wer da etwas einwirft, kann sich auf sinnvolle Verwendung verlassen“, sagt Eichenauer.

Der TVO-Anteilschein trägt reichen ornamentalen Schmuck, vermutlich entstanden im Atelier des Offenbacher Malers Lippmann. Man sieht viel Eichenlaub und einen Ausblick auf den Main mit Isenburger Schloss. Unterzeichnet haben der TVO-Vorsitzende Kappus und der Schriftführer Carl Schäfer, der später dem TVO mehr als zwanzig Jahre lang vorstehen sollte.

Wer weiß noch, dass an der Geleitsstraße 2 einmal Seife gekocht wurde?

Eine Aktie

Dorothea Held sortiert das Schmuckstück in ihre Ordner ein. Dort liegt das Dokument aus der Geschichte des 1824 gegründeten Turnvereins neben den Zeugnissen längst vergessener Firmen, die in der Offenbacher Wirtschaftsgeschichte einmal eine Rolle gespielt haben mögen. Wer weiß denn noch, dass an der Geleitsstraße 2 einmal Seife gekocht wurde? Die 1000-Mark-Aktie der Seifenfabrik Becker & Steeb stammt aus dem Jahr 1922. Älter ist wohl die „Fabrik für Gummilösung vormals Otto Kurth“ an der Sprendlinger Landstraße 77. Ihre Aktie wurde 1897 gezeichnet.

Einen Nennwert von 5000 Mark hatte die Aktie der Waggonbau- und Maschinenfabrik Heinrich Klein vom Januar 1923. Von ihr ist nur noch bekannt, dass der Inhaber in einem Haus an der Körnerstraße 10 wohnte. Als im April 1923 die große Inflation schon galoppierte, legten die Lederwerke Spicharz an der Mainstraße 143 Aktien zum Nennwert von 1000 Mark auf. Ein paar Wochen später konnte man dafür keinen Laib Brot mehr kaufen. Im Haus Löwenstraße 36 produzierte die Mitteldeutsche Metallwarenfabrik unter anderem Haushaltsgeräte aus Aluminium. Sie versorgte sich 1922 an der Börse mit frischem Geld. Die Inflationsjahre 1922 und 1923 waren eine gute Zeit zum Schuldenmachen.

Offenbacher Stadtkasse war schon in alten Zeiten häufig klamm

In größerer Anzahl verwahrt das Haus der Stadtgeschichte Wertpapiere aus der Frühzeit der heutigen „manroland“. Auf einem Papier aus dem Jahr 1928 firmiert der Druckmaschinen-Hersteller noch als „Faber & Schleicher AG“ mit der Vorstandsunterschrift Dr. Werners. Damals hatte die Aktie einen Nominalwert von 1000 Mark. 1984, unter dem MAN-Dach, gab es dann eine Stückelung auch von 50 Mark.

Dass die Offenbacher Stadtkasse schon in alten Zeiten häufig klamm war, lässt sich an einem Papier von Januar 1914 erkennen. Damals legte Offenbach eine Vier-Prozent-Anleihe mit einem Volumen von 14 Millionen Mark auf. Die Schuldverschreibungen waren gestückelt zwischen 200 und 10 000 Mark.

Unter solchen Erinnerungsstücken befindet sich nun also auch ein Dokument zur 187 Jahre alten Geschichte des Turnvereins Offenbach. Den Verein könnte es an eine markante Persönlichkeit aus seinen Reihen erinnern: Carl Schäfer, der vor 80 Jahren starb und der den Anteilschein noch als Schriftführer mit unterzeichnet hatte. Als Zögling war er dem Verein 1870 beigetreten. Als er 1930 alle Ämter niederlegte, hatte er dem TVO mehr als zwanzig Jahre lang als Vorsitzender gedient. Von 1896 bis 1922 vertrat Schäfer den Turngau Offenbach-Hanau in der Deutschen Turnerschaft. Heute erinnert an ihn nur noch eine Unterschrift auf einem alten Wertpapier. Im Haus der Stadtgeschichte wird sie mit Respekt betrachtet.

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