Experte äußert sich zum Klinikum

„Zick-Zack-Politik“

+
Thomas Busse fährt schwere Geschütze gegen das Sozialministerium unter Leitung von Stefan Grüttner auf.

Offenbach - Bis März will Offenbach sein Klinikum an einen privaten Betreiber verkauft haben. Auch andere kommunal geführte Krankenhäuser in Hessen stehen finanziell schlecht da. Ein Experte findet, dass in kürzester Zeit viele Fehler gemacht wurden.

Thomas Busse, Professor für Gesundheitsmanagement an der Fachhochschule Frankfurt, spricht im Interview über die Gründe und Auswege aus der Misere. Bei mancher Idee, sagt der Direktor des Zentrums für Gesundheitswirtschaft, „schwillt mir leicht der Kamm“.

Alles zum Klinikum lesen Sie im Stadtgespräch

Das Klinikum Offenbach ist hoch verschuldet, das Regierungspräsidium drehte den Geldhahn zu, jetzt wird das Haus verkauft. Wie konnte es dazu kommen?

Generell ist die Krise eines Krankenhauses kein plötzliches Ereignis, sondern die Folge jahrelanger Fehleinschätzungen. Natürlich hat letztlich immer der Krankenhausträger die Verantwortung, wenn das eigene Krankenhaus in Schieflage gerät. Aus meiner Sicht sind in Offenbach schon extrem viele Fehler in kürzester Zeit gemacht worden. Anstatt die Braut für eventuelle Kooperationen oder Fusionen zu schmücken, verliert das Klinikum systematisch an Attraktivität.

Lokalpolitiker haben bei kommunalen Kliniken ein großes Mitspracherecht. Ist Kirchturmpolitik mitverantwortlich für die Misere?

In Offenbach haben die Lokalpolitiker durch die Zick-Zack-Politik der letzten Jahre das Krankenhaus stark beschädigt. Spätestens nach dem Auswechseln der letzten Geschäftsführung hätte der Träger ein Konzept zur Sanierung erarbeiten müssen. Stattdessen wurde das Krankenhaus vordergründig in die Hände eines Klinikbetreibers aus Berlin gegeben. Dann hat man plötzlich ein „Markterkundungsverfahren“ gestartet, dieses dann aber gestoppt. Danach wurde beschlossen, wieder kommunales Geld in die Klinik zu pumpen. Das hat der Regierungspräsident untersagt. Seither wird der Verkauf propagiert.

Hätte das Land Hessen mehr tun müssen? Der frühere Gesundheitsminister von Rheinland-Pfalz, Florian Gerster, hat dem Sozialministerium ungenügende Planung vorgeworfen.

In diesem Punkt hat Herr Gerster Recht. Ich meine auch, dass das Ministerium viel früher und intensiver hätte Anreize zur regionalen Vernetzung von Krankenhäusern untereinander - und mit anderen Anbietern von Gesundheitsleistungen - setzen müssen. Mit der „quick and dirty“-Fusion der Unikliniken Marburg und Gießen und der anschließenden Privatisierung hat sich gezeigt, dass man im Ministerium anscheinend nur wenig vom Krankenhausgeschäft versteht.

Sozialminister Stefan Grüttner hat ein Konzept ausgearbeitet, das es kommunalen Kliniken ermöglicht, unter das Dach einer Stiftung zu schlüpfen. Halten Sie das für sinnvoll?

Ehrlich gesagt, schwillt mir bei diesem Konstrukt leicht der Kamm. Die Landesregierung, die eine wesentliche Verantwortung für die aktuelle Probleme trägt, geriert sich nun als Ideengeber der Rettung. Das vorgelegte Konzept ist aus meiner Sicht substanzlos. Wie soll durch Zusammenschluss mehrerer schwacher Partner ein starkes Unternehmen entstehen? Wird mit der Holding nicht ein träger Koloss geschaffen? Größe heißt definitiv nicht gleich Effizienz.

Gibt es vielleicht im Rhein-Main-Gebiet einfach nur zu viele Klinikbetten? Dann wäre man schlicht in einem Prozess des Gesundschrumpfens.

Aus meiner Sicht gibt es definitiv im Rhein-Main-Gebiet zu viele Krankenhausbetten - gerade was die Krankenhäuser der Maximalversorgung betrifft. Was aktuell geschieht, ist aber kein Gesundschrumpfen, sondern eine Politik des Rasenmäher-Prinzips: Alle Krankenhäuser werden systematisch durch eine systembedingte Unterfinanzierung geschwächt, einige Krankenhäuser werden dies nicht länger durchhalten und verschwinden vom Markt.

Trotz aller wirtschaftlichen Kalamitäten und politischen Geschreis werden auch 2013 in Offenbach weiter Patienten behandelt werden. Was muss passieren, dass ein Krankenhaus wirklich geschlossen wird?

Das große Problem ist doch, dass kommunale Krankenhäuser sehr oft die größten Arbeitgeber vor Ort sind. Ich plädiere für eine partei-und interessenunabhängige regionale Bestandsaufnahme der notwendigen Kapazitäten. Daraus könnte man ein Konzept ableiten, welches Haus beispielsweise geschlossen werden muss oder wie Leistungsangebote in der Region aufgeteilt werden sollten. Eine andere Idee wäre die Verpflichtung, dass Aufsichtsorgane von kommunalen Krankenhäusern in der Mehrheit von neutralen Fachleuten besetzt werden müssen. Dazu müsste es ein Anreizsystem der Landesregierung geben, diese Pläne schnellstmöglich umzusetzen.

Ein Verkauf an einen privaten Betreiber wird von manchen als großes Übel, von anderen als Retter in der Not gesehen. Was ist Ihre Position?

Eine prinzipielle Aussage darüber kann es nicht geben. Ich kenne private Krankenhäuser, von denen mir selbst die Gewerkschaften sagen, dass Patienten und Mitarbeiter sehr zufrieden sind. Ich kenne aber auch kommunale Krankenhäuser - siehe Offenbach -, in denen die Mitarbeiter seit Jahren unter sehr schwierigen und unprofessionellen Zuständen leiden. Letztlich ist es doch so, dass sich weder eine privater, ein freigemeinnütziger, aber auch ein kommunaler Krankenhausträger dauerhaft Verluste leisten kann.

dpa

Kommentare