Zivildienst nur noch Auslaufmodell?

Offenbach ‐ Das Bild vom Zivildienstleistenden, der eine alte Frau im Rollstuhl durch den Park schiebt, Zeit für ein Gespräch hat, und irgendwie auch für die Verständigung von Jung und Alt steht - es könnte bald passé sein. Von Ralf Enders

Denn der Beschluss der neuen Bundesregierung, den Wehrdienst von neun auf sechs Monate zu verkürzen, sorgt bei den Arbeitgebern der Zivis für Entsetzen. Weil der Zivildienst laut Grundgesetz nicht länger dauern darf als der Wehrdienst. Was sollen wir in nur sechs Monaten mit einem Zivi machen, fragen sich Hilfsverbände in der Region und denken laut über Alternativen und ein Ende der Zivildienst-Kultur nach.

Wie etwa Josef Bonn, Personalleiter beim DRK für Stadt und Kreis Offenbach. Er versichert zwar: „Es wird keine Auswirkungen auf die Angebote des DRK-Kreisverbandes geben.“ Doch über die derzeit Zivis - derzeit sind es 15 - in den Bereichen Fahrdienst, Soziale Dienste und auch Rettungsdienst müsse man nachdenken und neu entscheiden. „Die Räder sind in Bewegung“, sagt er zum Koalitionsbeschluss. Gestern hat er bereits mit dem DRK-Landesverband über das Thema gesprochen. Es laufe wohl zumindest darauf hinaus, „dass wir an die Lehrgänge ranmüssen“. Dies hänge jedoch auch von Vorgaben des Bundesamtes für Zivildienst ab. Für unwahrscheinlich hält es Bonn wegen der langen Einarbeitungszeit, dass Zivis noch als 3. oder gar 2. Mann im Rettungswagen mitfahren.

Es bleibt kaum noch eigentliche Arbeitszeit

Einweisungen, Lehrgänge, Urlaub (bei sechs Monaten Dienstzeit etwa 14 Tage) - da bleibt kaum noch eigentliche Arbeitszeit. Hans-Jürgen Becker, stellvertretender Leiter des Offenbacher Caritas-Zentrums, fügt den Verwaltungsaufwand hinzu: „Der ist bei sechs Monaten genauso hoch wie bei neun.“ Die Caritas prüfe, ob sie künftig noch Zivis einstellen könne. Becker stellt zwar klar, dass die jungen Männer keine regulären Arbeitskräfte ersetzen, zeigt aber auf, wo sie gebraucht werden: „Hausmeisterservice, Gespräche mit den Bewohnern unserer drei Altenpflegeheime, spazieren gehen.“ Pflege und Betreuung seien freilich gewährleistet, aber wenn die alten Menschen mal das Haus verlassen wollen, sei vielleicht bald keiner mehr da, der sie begleitet. Becker: „Das wäre schade.“

Ähnliches Bild bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Offenbach. Geschäftsführer Hans Jürgen Platt verweist darauf, dass schon die Reduzierung von zwölf auf neun Monate problematisch war. Die abermalige Kürzung sei eine „kleine Katastrophe“. Die AWO denke an Alternativen, Platt zufolge Studenten oder Rentner auf 400-Euro-Basis. Zehn Zivis arbeiten derzeit bei der AWO in Offenbach Stadt, etwa 30 in den Werkstätten Hainbachtal.

Bundesweite Aufregung

Die Verkürzung des Zivildienstes hat bundesweit für Aufregung bei den Sozialverbänden gesorgt. Ulrike Mascher, Präsidentin des VdK, erwartet eine Lücke, Kliniken, Rettungsdienste oder Sozialstationen müssten einen personellen Aderlass verkraften. Der Deutsche Caritasverband befürchtet einen Stellenabbau in Rettungsdienst und Pflege.

Die Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer sieht das Problem dagegen nicht: In den Bereichen, in denen Zivis tätig seien, arbeiteten 3,5 Millionen Hauptamtliche. Die 65.000 Zivis machten da nicht mal zwei Prozent aus. Die rechnerisch 22.000 Stellen, die durch die Verkürzung wegfielen, könnten zum Beispiel durch freiwillige soziale Jahre gefüllt werden. Dafür gebe es bereits heute dreimal mehr Bewerber als Stellen.

Rubriklistenbild: © Archiv dpa

Kommentare