Nur die Linie zählt

In der Zollamt-Galerie zeigen junge Künstler ihre Arbeiten

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Roman Köller, Bea Emsbach und Eugen El vor Werken von Edwin Schäfer.

Offenbach - Mit der Linie fing es an. Zumindest bei den elf Künstlern, die ab heute im Offenbacher Zollamt ausstellen. Unter dem Titel „Linientreu“ zeigen sie ihre filigranen Werke. Von Lisa Berins

„Ich bin eine Schreibtischtäterin “, sagt Bea Emsbach. Sie ist, wie die meisten der ausstellenden Künstler, Absolventin der Hochschule für Gestaltung in Offenbach (HfG). Die großen Formate, die Malerei – das ist eher nicht ihr Ding. Anstatt sich in ausladenden Gesten auf einer Leinwand auszuleben, arbeitet sie lieber im Kleinen mit Füller, Pinsel und roter Tusche. Dickichte aus Tintenklecksen und Linien sind auf ihren Din-A4 Blättern zu sehen, Gebüsche, in denen die Schatten spielen und Menschen hocken. Die Bilder erinnern an alte, anthropologische Fotografien indigener Völker. Bei genauem Hinsehen erkennt man auch brutale Rituale, wie etwa auf dem Bild „Die Befragung“: Ein abgehackter Kopf schwimmt da in einer Wanne. In Verbindung mit der Farbe Rot erhalten die Zeichnungen Emsbachs etwas Starkes, eine emotionale Kraft. Die Linie fasziniere sie, sagt die Künstlerin, die in Frankfurt lebt und arbeitet.

„Fast alle, die hier ausstellen, kommen vom Zeichnerischen her, auch wenn sie mittlerweile anders arbeiten“, erklärt Eugen El. Auch er ist Absolvent der HfG. Das Zeichnen sei dort ein wichtiger Teil der Ausbildung, sagt er. Einige der ausstellenden Künstler hätten ihre Grundkenntnisse bei Professor Dieter Lincke erlernt, der im vergangenen Jahr gestorben ist.

Eugen El, der nicht nur künstlerisch, sondern auch journalistisch arbeitet – und unter anderem Beiträge für diese Zeitung schreibt – steht vor einer Serie strenger Porträts. Auf jedem der zehn Blätter ist ein Brustbild eines Mannes zu sehen. Auf den ersten Blick ähneln sich diese Porträts sehr stark. „Manche denken, es sei eine Art Running Gag“, sagt Eugen El schmunzelnd, „dass ich immer dasselbe Bild zeichne.“ Tatsächlich sind kleine Variationen zu entdecken: ein dunklerer Pullover, eine kleinere Stirn, ein angedeuteter Schnäuzer, größere Augen. „Ich mag die bewusste Beschränkung auf das Wichtigste“, erklärt El sein immer gleiches Format, die immer gleiche Haltung und Perspektive der abgebildeten Figur, den Verzicht auf Farbe: Nur die Linie zählt.

Ähnlicher Auffassung ist Roman Köller. „Die Farbe ist immer mein letzter Gedanke“, sagt der Illustrator. Viele seiner Werke sind schwarz-weiß, was den Beobachtungen, grafischen Entwürfen und fixen Ideen aber eigentlich nicht schadet. Strich und Farbe gehen bei einigen Positionen in der Zollamt-Galerie allerdings auch gut zusammen – das mit der Treue ist schließlich auch immer Auslegungssache.

„Linientreu“ in der Galerie Zollamt ist bis Sonntag täglich geöffnet von 12-19 Uhr, Frankfurter Straße 91 in Offenbach.

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