Am Zollstock gescheitert

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Schulabgänger erfüllen in zunehmendem Maße nicht mehr die Ansprüche, die von den Ausbildungsbetrieben an sie gestellt werden.

Offenbach ‐ Auszubildende, die an den Grundrechenarten scheitern, junge Erwachsene, die Probleme mit der Rechtschreibung haben, Jugendliche, die Kaugummi kauend zum Vorstellungsgespräch kommen. Von Denis Düttmann

Schulabgänger erfüllen in zunehmendem Maße nicht mehr die Ansprüche, die von den Ausbildungsbetrieben an sie gestellt werden. Unter dem Motto „Mittelstand schlägt Alarm – Sorgen um qualifizierten Nachwuchs“ diskutierten am Donnerstagabend in der Cafeteria der Geschwister-Scholl-Schule Mitglieder der Mittelstandsvereinigung der CDU über das Problem und suchten gemeinsam nach Lösungsansätzen.

Hans-Joachim Leonhardt zitierte aus einer Umfrage, nach der 74 Prozent der Unternehmen eine unzureichende Ausbildungsreife ihrer Azubis bemängeln. Rund 20 Prozent der 15-Jährigen seien beim Lesen und Schreiben auf dem Niveau von Grundschülern. Und 54 Prozent der Betriebe sehen sich genötigt, Nachhilfe in Mathematik und Deutsch für ihre Lehrlinge zu organisieren.

Ursachen analysieren, Lösungsansätze erarbeiten

Jürgen Jobmann kennt das alles aus eigener Erfahrung. Der Malermeister bezeichnet die Situation als verheerend. So scheiterten Kandidaten bei ihm teilweise an der Aufgabe, mit dem Zollstock die Höhe einer Wand zu messen. Oder eine Nummer aus dem Telefonbuch heraus zu suchen. „Mir ist aufgefallen, dass man sich auf die Schulzeugnisse nicht verlassen kann“, sagte Jobmann. „Ich habe auf der einen Seite schon Hauptschüler erlebt, die in der Berufsschule sehr gut mitgekommen sind und auf der anderen Seite Realschüler mit Top-Zeugnissen, die große Probleme hatten.“

Fanny Mülot, Leiterin der Geschwister-Scholl-Schule, schloss sich der düsteren Situationsbeschreibung zwar an, drängte jedoch vor allem darauf, die Ursachen zu analysieren und Lösungsansätze zu erarbeiten. Die Rektorin glaubt, dass die große Fülle von verfügbaren Informationen die Schüler schlichtweg überfordert. Zudem sei durch die Überfrachtung der Lehrpläne teilweise nur noch kurzfristiges Lernen möglich. Mülot plädierte dafür, den Schülern wieder mehr praktische Erfahrungen zu ermöglichen. „Wie man einen Hammer benutzt, das kann man nicht theoretisch lernen“, sagte die Pädagogin.

Bei alleinerziehender Mutter aufgewachsen

Der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, Helmut Geyer, kritisierte, dass seit Jahrzehnten über Bildung diskutiert werde, sich jedoch nichts verändere. „Wir müssen über die schulischen Inhalte reden, nicht über die Organisationsformen“, forderte er. Die Entschuldigung durch schwierige soziale Verhältnisse will Geyer mit Blick auf seine eigene Vita nicht gelten lassen: Auch er sei bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, habe zunächst Realschulabschluss und Lehre absolviert und erst später sein Abitur nachgeholt und studiert. „Es kommt auf die innere Einstellung an“, sagte Geyer. Mit seinem Plädoyer für die Rückkehr zu konservativen Werten wie Pflichtgefühl fand er viel Zustimmung im Saal. Man müsse konsequent mit den Jugendlichen umgehen und auch einmal Druck ausüben, hieß es dort.

Schulleiterin Mülot teilte auch diese Einschätzung, ging aber wiederum einen Schritt weiter und lenkte den Blick auf konkrete Schritte. So habe ihre Schule ein Patenprojekt aufgelegt, in dem sich Berufstätige Jugendlicher annehmen und sie bei der Prüfungsvorbereitung und Stellensuche begleiten. Zudem habe man zahlreiche ehrenamtliche Posten geschaffen, in denen die Schüler lernen, Verantwortung zu übernehmen. „Wer bei uns das Kiosk betreibt oder beim Sanitätsdienst hilft, der sammelt auch wichtige Erfahrungen für das Berufsleben“, so Mülot.

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