Zuerst die Pilzleuchten

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Die EVO ist für gut 20.000 Straßenleuchten in Stadt und Kreis verantwortlich.

Offenbach ‐  Die handelsübliche Glühbirne betten die Eurokraten langsam zur Ruhe. Und Brüssel treibt die umweltgerechte Gestaltung energiebetriebener Produkte weiter voran. Dafür steht eine Ökodesign-Richtlinie – die 2009/125/EG. Sie wird unser Stadtbild verändern. Von Martin Kuhn

Sie lässt – ähnlich der häuslichen 100-Watt-Birne – ab dem Jahr 2015 den Vertrieb bestimmter Leuchtmittel nicht mehr zu. Darunter fallen die Quecksilberdampflampen, die nicht nur in Offenbach abends und nachts die Straßen erhellen. Auf Städte und Gemeinden kommt die Umrüstung der öffentlichen Beleuchtung zu. Forscher, etwa vom Fachgebiet Lichttechnik der TU Darmstadt, und Industrie haben bereits ihren Favoriten ausgemacht – die Lichtdiode stellt für sie die beste Alternative dar.

Ganz so schnell im Urteil zu den energiesparenden LED ist die Energieversorgung Offenbach nicht, die sich im Auftrag der Kommune ums Licht auf öffentlichen Straßen, Plätzen, Gehwegen und in Parks kümmert. Die EVO setzt auf einen langfristigen Feldversuch. Nach gut einem Jahr gibt’s eine erste Zwischenbilanz. Im Ergebnis bestätigt der lokale Versorger die von einigen Herstellern versprochenen Energieeinsparungen von bis zu 75 Prozent im Vergleich zu konventionellen Quecksilberdampflampen (HQL-Leuchten). Auch die Lichtausbeute ist im Vergleich zur HQL-Technik deutlich höher. „Die LED-Beleuchtung eignet sich aus technischer Sicht grundsätzlich für den Dauereinsatz als Straßenbeleuchtung“, fasst Vorstand Dr. Kurt Hunsänger die Ergebnisse zusammen.

Die EVO hat allein in Offenbach an zehn Standorten auf LED-Technik umgestellt – versuchsweise, versteht sich. Futuristisch muten jedenfalls die Bezeichnungen an: LEDWorx Hawk Eye III, Mpclicht Cubis, Ruud Lightning Europe Ledway. Die zukunftsweisende Technik sorgt etwa in der Bernardstraße, in der Herrnstraße, in der Gaußstraße und in der Carl-Legien-Straße für Licht. Was der Bürger rein subjektiv als ausreichende oder mangelhafte Beleuchtung, gerade im weiten Feld des Sicherheitsempfindens, erachtet, betrachten die Experten viel differenzierter. Für sie ist hell nicht gleich hell.

Ausgefeilte Messtechnik soll wichtige Daten liefern

 Bei der EVO ist Stephan Kirchner Projekt-Verantwortlicher für Straßenbeleuchtung und Ampeln: „Ihnen ist sicher aufgefallen, dass die Kreuzungen anders ausgeleuchtet sind als die Straßen?“ Sicher. Dennoch holt Kirchner aus und beschreibt, dass es in einer Stadt nicht einfach mit dem Einschrauben einer Glühbirne getan ist, um es irgendwie hell zu machen. Er spricht vom Fragenkatalog des Bauamts, der an jeder Straße abzuarbeiten ist, von Normen und Richtlinien, von Beleuchtungsmengen und Querbeleuchtung. Also ist, ehe es ans Energiesparen geht, die zentrale Frage zu beantworten: „Kann die neue Technik das alles leisten?“ Die Industrie bejaht das, die EVO überprüft das.

An sogenannten Teststrecken sind die Leuchten meist in Vierergruppen aufgestellt. Hinzu kommt in Offenbach eine ausgefeilte Messtechnik – unter anderem für den Energieverbrauch und die Lichtstärke. Denn nicht immer halten die LED-Leuchten das, was die Hersteller versprechen: „Einige wurden von uns bereits aus dem Programm genommen“, berichtet Stephan Kirchner. Andere Städte scheinen da weiter – etwa Düsseldorf. Dort ist ein gesamter Straßenzug mit den leuchtstarken und energiesparenden Dioden ausgerüstet. „Schön und gut. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit“, so der Offenbacher Projektleiter. „Das sind alles reine Wohnstraßen; für Hauptverkehrsstraßen wie etwa Bieberer Straße, Mühlheimer Straße oder den südlichen Ring reicht das nicht aus. Noch nicht.“

Halten LED-Leuchten mehr als 50 000 Stunden?

Unbenommen sind die Vorteile der LED-Technik. Sie ist energieeffizienter und sicherer. „Fällt eine herkömmliche HQL-Leuchte aus, ist’s dunkel. Fällt eine Lichtdiode aus, sorgen die verbliebenen intakten Dioden weiter für eine ausreichende Lichtmenge.“ Das alles fließt in den LED-Versuch ein, der nun in die Langzeitbeobachtung übergeht. Dazu werden die Daten von 74 LED-Leuchten an 17 Standorten in Stadt und Kreis Offenbach gesammelt und ausgewertet. Die erhobenen Daten sollen unter anderem Aufschluss darüber geben, ob die LED-Beleuchtung wie von Herstellern angegeben mehr als 50 000 Betriebsstunden reibungslos funktioniert.

Von diesem Ergebnis hängt unter anderem die Wirtschaftlichkeit der LED-Technik ab, die in der Anschaffung derzeit noch dreimal so teuer ist wie moderne Natriumdampflampen (NAV). Die Industrie wirbt bereits: Höhere Investitionskosten amortisieren sich durch einen deutlich niedrigeren Wartungsaufwand. Die verkürzte Rechnung: LED-Leuchten halten zwölf Jahre, herkömmliche Dampflampen vier Jahre. „Da wird gern vergessen, dass Straßenbeleuchtung turnusmäßig alle vier Jahre zu prüfen ist...“

Pilzleuchten stehen ganz oben auf der Liste

Beide Systeme könnten von 2015 an verstärkt zum Einsatz kommen, wenn die veralteten HQL-Lampen vom Gesetzgeber verboten werden. „Bis mindestens zu diesem Datum werden wir die LED in unserem Stadtgebiet testen und weiteres Datenmaterial sammeln“, sagte Offenbachs Oberbürgermeister Horst Schneider. Dann werde entschieden, welcher Lampentyp der HQL-Technik nachfolgt. Oben auf der Prioritätenliste: die sogenannten Pilzleuchten, die etwa im Musikantenviertel das Straßenbild prägen.

Für die Energieversorgung Offenbach ist es aber ebenso wichtig, das subjektive Empfinden der Anwohner zu ermitteln. In einer Umfrage äußerten sich die meisten der hundert Befragten zufrieden mit der neuen Technik. „Das gilt auch für die Leuchteigenschaften der LED, die ein sehr kaltes, weißes Licht ausstrahlen“, fasst Dr. Kurt Hunsänger zusammen. Das lässt sich vielleicht so zusammenfassen: In den eigenen vier Wänden mögen’s die Leute heimelig, während es auf der Straße mit der Gemütlichkeit vorbei ist; Hauptsache, es ist hell genug.

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