Zufluchtsort zum Aufatmen

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Volles Gotteshaus zum Jubiläum: Etwa 200 Besucher feierten in der Rumpenheimer Schlosskirche.

Offenbach - Gabriele Scherle, die evangelische Pröpstin des Rhein-Main-Gebietes, sprach vielen Menschen in der vollbesetzten Schlosskirche Rumpenheim aus der Seele. Von Reinhold Gries

Sie sagte in ihrer Predigt zur Jesaia-Vision: „Inmitten gleichförmiger Glitzer- und Luxuswelt unserer Einkaufpassagen, besinnungsloser Betriebsamkeit unserer Bahnhöfe, Flughäfen und Feriensiedlungen sehnen sich Menschen nach einem ‘heiligen’ Raum, einem öffentlich zugänglichen Zufluchtsort zum Aufatmen, einer anderen Wirklichkeit.

Die findet die Gemeinde in der 250-jährigen Schlosskirche Rumpenheim. „Dafür danken wir Gott, mit dem wir das freie Leben feiern. Hier hören wir die frohe Botschaft vom Sieg Jesu über den Tod, gesättigt von Hoffnung.“ Um dann einzuschränken: „Der Glaube ist nicht an Örtlichkeiten gebunden, nicht an das katholische Rom, nicht an das orthodoxe Moskau, auch nicht an die hiesige Schlosskirche. Gott ist unsere Heimat. Luther meinte, man könne Gottesdienst als freier Christenmensch auch unter Elbbrücken feiern. Kirche ist heute eher Ort des Aufbruchs, auch Grenzort, an dem Arm und Reich gemeinsam die Unantastbarkeit des Lebens feiern. Wir sind die Herausgerufenen, gerade an einem Ort wie hier, an dem es uns an nichts fehlt.“

Kirche mit herausragenden Personen gesegnet

In der Tat fehlte es im Gottesdienst zum Weihejubiläum an nichts: An die 200 frohgestimmte Christen sangen wunderschöne und machtvolle Kirchenlieder wie „Tut mir auf die schöne Pforte“ und „Komm, Herr, segne uns“, überhöht von der herrlichen Weise „Gott gab uns Atem, damit wir leben“ der Rumpenheimer Kantorei, unter der Leitung von Tobias Pautsch. Die Rumpenheimer Kirche, die schon manch gekrönte Häupter des Schlosses beherbergte, vor dem Schlossbau aber eigenständige reformierte Dorfkirche inmitten des alten Ortes war, liegt ja nicht nur schön im Schlosspark. Sie ist auch mit herausragenden Personen gesegnet, die zu ihr passen.

Allen voran die engagierte Pfarrerin Kirsten Lippek, die ihre Schriftlesung zum Römerbrief zu berührendem Appell nutzte: „Seit 700 Jahren treffen sich hier Christen, seit 500 Jahren in evangelischer Tradition. Jetzt ist es an uns, die Botschaft des Evangeliums weiterzutragen. Das heißt: Passt Euch nicht oberflächlich an den Zeitgeist an, erneuert Euer Denken. Nutzt Eure Gabe zum Trösten und Ermutigen, ohne Euch zu überfordern. Übertrefft Euch an gegenseitiger Achtung – und zieht dabei an einem Strang.“

Das beeindruckte auch Altpröstin Helga Trösken, sowie Lippeks Vorgänger Veit Dinkelaker, den Offenbacher Sportpädagogen Peter Pinck und Ingrid Wagner von der Bürgerinitiative Luftverkehr Offenbach (BIL). Auch die Politikerriege mit dem ehemaligen Stadtverordnetenvorsteher Erik Lehmann, Oberbürgermeister Horst Schneider und Oberbürgermeisterkandidat Peter Freier hielt inne.

Solidaritätsadressen nach Oslo und Somalia

Zum Fest hatte man dem schlichten barocken Kirchenraum, der keinen Taufstein besitzt, Glanz durch selten zu sehende Schätze aus dem Tresor der Kirchengemeinde verliehen: Auf dem Altar blinkten das Silberkruzifix von 1889 und das silberne Tauf- und Abendmahlgeschirr des Prinzen Georg von Hessen-Kassel, das dieser der Gemeinde 1851 gestiftet hatte. Die zentral über dem Altar stehende Predigtkanzel mit dem goldenen Pelikan von 1761 betrat jedoch niemand. Die Pastorinnen und die Kirchenvorstände - mit berührenden Solidaritätsadressen nach Oslo und Somalia - blieben mit der Gemeinde auf Augenhöhe.

Für musikalischen Glanz sorgte neben Ingrid Maierhofer auf der Klarinette und dem von Pfarrer Hinnerk Müller angeführten Posaunenchor der Erlösergemeinde vor dem Kirchenportal vor allem Schlosskirchenorganist Carmenio Ferrulli auf dem fürstlichen Präsent, das Herzog Adolph von Nassau 1851 seiner Braut zum Hochzeitgeschenk machte. Auf seiner Voigt-Orgel sorgte Ferrulli beim feierlichen Einzug des Kirchvorstandes sowie beim herrlichen Gloria der Kantorei und beim festlichen Orgelnachspiel für das gewisse Etwas, das man nur in Rumpenheims Schlosskirche erleben kann.

Das spürt man auch in der „Offenen Schlosskirche“ von Montag bis Freitag von 9 bis 14 Uhr und an Wochenenden von 15 bis 17 Uhr.

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