Zugerieselte Objekte

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„Von 0 bis Neun“ heißt die Diplomarbeit von Susanne Brenner. Ihre Bilder, welche die Macht der Zahlen relativieren soll, werden in unterschiedlichen Kombinationen lesbar und sagen die je nach Interpretation des Betrachters Unterschiedliches aus.

Offenbach ‐ Die stolze Zahl von 23 Diplomanden des Fachbereichs „Visuelle Kommunikation“ stellte am Freitagabend ihre Arbeiten in der Räumlichkeiten der Hochschule für Gestaltung (HfG) der Öffentlichkeit vor. Von Claus Wolfschlag

Die 74. Diplompräsentation wurde diesmal in einem neuen Rahmen erprobt, als Event und kleiner Rundgang. „Einerseits die Fülle der Arbeiten, andererseits aber auch der Wunsch der Studenten führten zu diesem anderen Weg“, erklärte Kunstgeschichts-Professor Christian Janecke. Klaviermusik empfing die Besucher vor der Diplomverleihung, danach wurden Sekt und Suppe gereicht. Professoren boten von ihnen geführte Rundgänge durch das HfG-Areal an. Ein Shuttlebus transportierte Besucher zur zweiten Ausstellungslokalität, der Ölhalle im Hafen.

Glücklicherweise hatten nicht alle Studenten eine derartige Verweigerungshaltung an den Tag gelegt wie Samira Ramic, deren Arbeit den schlichten Namen „Nö“ trug. Man sah eine Reihung von scheinbaren Polaroid-Bildern an der Wand, dazwischen immer das Motiv eines Rotkäppchens, mit dem Revolver auf den Betrachter zielend.

Mischwesen aus Pflanze, Tier, Mensch

Die Diplomandin hätte das Thema der Verneinung als eine Art therapeutischen Prozess verstanden, wusste Professor Janecke zu berichten. Die Nö-Schöpferin war nicht anwesend, um etwas zur Aufklärung beizutragen. Und auch der theoretischen Prüfung hätte sie sich angeblich verweigert. Das ist immerhin konsequent.

Positiv stachen die Arbeiten von Norman Hildebrandt und Angelina Fieres durch ihre filigrane Gestaltung hervor. Hildebrandts Zeichnungen zeigten Mischwesen aus Pflanze, Tier, Mensch und unbelebten Gegenständen. Als poetische, autarke Stimmungen, als Darstellung von Wesen, die ihr Sein nicht als Makel empfinden, wollte Hildebrandt seine Bilder verstanden wissen. Im Treppenhaus dekorativ illuminiert leuchtete zudem auf einem Schaumstoff-Sockel ruhend die von ihm gefertigte Skulptur eines Fisches aus lauter glänzenden Glasperlen.

Angelina Fieres hatte sich ein Stockwerk tiefer dem Überthema „Unheimlich“ durch eine Reihe schwarzer Scherenschnitte mit dem Namen „Final Girls“ angenommen. Die Motive widmeten sich verdichtet weiblichen Helden der Psychothriller- und Horrorfilm-Geschichte. Spinnweben, gefolterte Personen, schreckverzerrte Gesichter waren von Fieres kunstvoll in der alten Scherenschnitt-Technik zu Szenerien gebannt worden. „Der Scherenschnitt ist insofern mehr als die Zeichnung, als zur starken Tontrennung in Schwarz und Weiß die reale Materialität kommt. Die Ketten bestehen auch wirklich aus herausgeschnittenen Kettengliedern“, erläuterte Professor Janecke bei seiner Führung.

Fiktiven Publikationen widmeten sich Samantha Zinsser und Maike Ossenberg. Zinsser präsentierte am Freitagabend ein selbst erdachtes Magazin, das sich thematisch den Küsten Kaliforniens widmet. Ossenberg hatte Sticker, Flugzettel und Plakate für eine fiktive Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art gestaltet, das sie während einer Reise besucht hatte.

Von der Decke rieselt Kunstschnee

Wenngleich inhaltlich dürftig begründet, bezauberte das Bühnenbild von Sung-Hye Ko atmosphärisch. Die junge Künstlerin hatte ein Stillleben - „stillgestelltes Leben“ als Gegensatz zur Performance - aus allerlei skurrilen Alltagsgegenständen zusammengestellt, mit denen sie diverse symbolische Assoziationen verband: Ein M4-Gewehr, ein Accessoire der Popsängerin Lady Gaga, ein Survival-Kit, eine Hundefigur und eine 3-D-Brille.

Das alles hatte in seiner Wahllosigkeit wenig miteinander zu tun, aber von der Decke rieselnder Kunstschnee erzeugte weihnachtliche Beschaulichkeit. Sung-Hye Kos angestrengte Begründung, dass dies ebenfalls irgendein Symbol sei für den schneereichen letzten Winter, der sie so beeindruckt habe, verhallte im Raum. Die Objekte wurden zugerieselt, verbanden sich dadurch unter der weißen Decke, und dem wohnte eine beruhigende Schönheit inne.

Sämtliche Diplomarbeiten sind noch bis zum 16. Mai täglich von 17 bis 21 Uhr in der HfG und der Ölhalle zu sehen.

Großformatig präsentierte sich Nina Ansari in der Aula. Ihre Personenfotografien entstanden in einem selbst gebauten Raum, in dessen Wände Löcher und Schlitze gestochen waren. Dahinter befanden sich zwölf Blitzlichter, die beim Auslösen gleichzeitig aufleuchteten. Die sich ansonsten in der völligen Dunkelheit des Raumes befindlichen Personen wussten nicht, aus welchem Blickwinkel die Kamera sie aufzeichnete. So entstanden inszenierte Fotos, ganz als wären es Schnappschüsse eines fortgeschrittenen Diskotheken-Abends.

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