Im Tadsch Mahal von Offenbach

Zum „Tag des offenen Denkmals“ öffnete das Krummsche Mausoleum sein Bronzeportal

Das Interesse war mehr als respektabel: Ex-Stadtarchivar Hans-Georg Ruppel begrüßte zahlreiche Friedhofsbesucher.
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Das Interesse war mehr als respektabel: Ex-Stadtarchivar Hans-Georg Ruppel begrüßte zahlreiche Friedhofsbesucher.

Der ehemalige Stadtarchivar ist auf dem Alten Friedhof Offenbachs praktisch daheim. Kaum jemand dürfte mehr über die historischen Gräber wissen und mehr Geschichten hinter diesen parat haben als Hans-Georg Ruppel. Am diesjährigen bundesweiten „Tag des offenen Denkmals“ empfing und erzählte er am wohl auffälligsten Monument zwischen Mühlheimer, Unterer Grenz-, Hebe- und Friedhofstraße.

Offenbach – Und zahlreiche Interessierte nehmen die selten gebotene Gelegenheit wahr, das schon äußerlich beeindruckende Krumm-Mausoleum auch einmal von innen bewundern zu dürfen.

Wer das Portal durchschreiten darf, findet sich unter einem blauen Sternenhimmel wieder, der aus einem Pharaonengrab stammen könnte. Wie das Mosaik in der ovalen Kuppel strotzt auch die weitere Innenausstattung der Grablege von symbolgeladener Pracht.

Kein Unbekannterer als der Ledermuseums- und Werkkunstschul-Gründer Professor Hugo Eberhardt war im zweiten Jahrzehnt des vorherigen Jahrhunderts der Architekt. Für den Innenausbau arbeitete er mit drei Bildhauern zusammen. Der Münchner Karl Killer schuf das Tag und Nacht repräsentierende Figurenpaar, das die von Karl Stock entworfenen metallenen Flügeltüren bewacht. Karl Hubers lebensgroßer Bronzeakt steht für die Ewigkeit, seine Reliefs mit Orpheus und Eurydike für Trennung und Abschied.

Im Inneren der Fabrikanten-Grablege boten sich den Besuchern beeindruckende Einblicke.

Eine Liebesgeschichte, nicht ganz so tragisch endend wie beim mythologischen Sänger und seiner Geliebten, steht auch hinter dem zwischen spätem Jugendstil und Neoklassizismus angesiedelten Bau. Als vor gut zehn Jahren eine von Bund, Land und Stadt/ESO bezahlte Sanierung anstand, titelte unsere Zeitung vom „Tadsch Mahal in Offenbach“. Wie bei dem indischen Großmogul, der seiner verstorbenen Lieblingsgattin das weltbekannte Grabgebäude errichtete, ist auch der Bau auf dem Alten Friedhof ein Beweis für Liebe über den Tod hinaus. Allerdings setzte hier eine Witwe ihrem 15 Jahre älteren Verblichenen ein Denkmal.

Die Familie sind die Krumms, die Lederwarendynastie mit der einstigen Weltmarke „Goldpfeil“. Heinrich Krumm, geboren 1854, starb 1912 kinderlos. Dass sie sieben Jahre später längst wieder mit einem Herrn Sauer aus Wiesbaden verheiratet war, hinderte seine Marie nicht daran, den Tempel errichten zu lassen. „Dein Leben war Liebe – eine Liebe war mein Glück“ ließ sie ins innere obere Rund meißeln. Als sie zwei Jahre später das Zeitliche segnete, ließ sie sich neben ihrem ersten Angetrauten zu Offenbach in der noblen Gruft unter dem Hauptraum beisetzen. Dort ruhen beide seitdem, allerdings mit Unterbrechung: Während der Sanierung mussten die Särge von Marie und ihrem Heinrich die Krypta vorübergehend verlassen.

Eine rührende Geschichte wie gemacht für einen „Tag des Denkmals“ im 21. Jahrhundert. Ein Unterschied zum Tadsch Mahal bleibt indes erwähnenswert. Der Großmogul soll sich von 1631 bis 1648 auf freudig erbrachte Dienste seiner Untertanen gestützt haben. In Offenbach war im Nachkriegsjahr 1919 die Begeisterung weniger groß. Im Gegenteil gab es öffentliche Empörung über Verschwendung, die auch in der Zeitung ihren Niederschlag fand: Schließlich verschlang das Mausoleum den Goldmark-Gegenwert eines veritablen Wohnhauses. (Von Thomas Kirstein)

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