Serie „Menschen in Offenbach“:

Zupackender Zuhörer

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Wilhelm Uhl in seinem Arbeitszimmer in Bieber-Waldhof. Der Unruheständler verbringt dort die meiste Zeit des Tages.

Offenbach - Nur dazusitzen und den Gänseblümchen beim Wachsen zuzuschauen ist ihm ein Graus. Wilhelm Uhl braucht eine Aufgabe. Von Veronika Szeherova

Oder besser viele Aufgaben. Denn obwohl der Amtsgerichtspräsident a.  D. vor fast zwölf Jahren in den Ruhestand gegangen ist, denkt er noch lange nicht daran, die Beine hochzulegen – „solange es die Gesundheit zulässt“. Eine der Tätigkeiten, der sich der Träger der Bürgermedaille in Silber seit fünf Jahren voller Hingabe widmet, ist deutschlandweit fast einmalig: Als Ombudsmann steht er Hartz-IV-Empfängern mit Rat und Tat zur Seite.

„Meist ungeschickte Umstände, die sie in diese Situation gebracht haben“

Es war im Sommer 2008, als die damalige Sozialdezernentin Birgit Simon dringend Entlastung suchte. Die Menge an Leistungsempfängern, die bei ihr täglich vorsprachen, konnte sie nicht mehr allein bewältigen. Sie fragte Uhl, der sich als kluger Krisenmananager in seinen Vorsitz-Tätigkeiten bei der AWO, der Volkshochschule und dem Evangelischen Kirchengemeindeverband hervorgetan hatte. Er überlegte nicht lange. „Ich habe mein Leben lang den Menschen zugehört. Das tue ich sehr gern.“ Einen Teil seiner früheren Klientel hat er als Ombudsmann wiedergetroffen, erzählt er und schmunzelt. Sowohl für die Menschen, denen er als Richter begegnete, als auch für die Hartz-IV-Empfänger gelte: „Es sind meist ungeschickte Umstände, die sie in diese Situation gebracht haben.“

Die Umstände, die ihn 1970 nach einer „Odyssee durch Hessen“ ins Amtsgericht Offenbach führten, erwiesen sich als glücklich. Der gebürtige Groß-Umstädter hat die Stadt ins Herz geschlossen: „Ich habe Offenbach angenommen, und ich habe den Eindruck, dass es mich angenommen hat. Der Vorteil dieser kleinen Großstadt ist, dass man die Menschen kennenlernen kann, wenn man sich Mühe gibt.“ In seiner Funktion als Jugend- und Haftrichter lernte er die Stadt „sehr intensiv kennen“.

Vor allem mit Bewohnern der berüchtigten Siedlung Lohwald hat er oft zu tun gehabt. „Vor Gericht haben sie einen Anzug angezogen. Es gab noch eine Art Ganovenehre.“ Anders als seine Nachfolger, die sich nur mit Polizeischutz ins Viertel getraut hätten, habe er sich problemlos dort bewegen können. „Mir konnte höchstens passieren, dass ich zum Kaffee eingeladen werde.“

Mit zwei Beratungsstunden pro Woche ist es nicht getan

Als Richter hat Uhl sich eine gute Menschenkenntnis und einen Sinn für Konfliktlösungen angeeignet, was für ihn auch als Hartz-IV-Ombudsmann von Nutzen ist. „Damals wie heute versuche ich, Leute von der falschen Spur runterzubringen, ohne ihnen Vorwürfe zu machen. Ich sage aber auch klar, wenn etwas nicht geht.“ Er solidarisiere sich manchmal („Wir klagen jetzt“), hetze aber nie auf. Am Wichtigsten ist es für ihn, die Menschen und ihre Probleme ernst zu nehmen.

Doch mit seinen zwei Beratungsstunden pro Woche ist es nicht getan. „Zuhause schreibe ich die Geschichten der Leute auf und schicke sie an die Mainarbeit.“ Seine neutrale Sicht soll beiden Seiten helfen, Fehler und Missverständnisse aufzudecken. So konnte der 1936 Geborene schon Zahlungen korrigieren, Frust und gegenseitige Schuldzuweisung ausräumen und Abläufe verbessern.

Uhl berichtet von einem einfachen, effektiven Schritt, den er eingeführt hat: „Wenn ein Hartz-IV-Empfänger Unterlagen abgibt, darf der Pförtner einen Beleg darüber ausstellen. Damit hat man etwas Konkretes in der Hand. Vorher gab es oft Ärger wegen verschollener Unterlagen.“ Doch nach wie vor beginnen viele Gespräche seitens der Ratsuchenden mit Beschimpfungen gegenüber den Sachbearbeitern.

Trotzdem – Hartz IV betrachtet Uhl als gutes System. „Wenn es so etwas nicht gäbe, müsste man es sich ausdenken.“ Obwohl er Verbesserungspotenzial sieht: „Es ist nicht in die letzte Verästelung gerecht. Jemand, der noch nie gearbeitet hat, bekommt soviel wie jemand, der jahrelang Geringverdiener war.“ Gewisse Kränkungen seien damit verbunden. Das erlebe er auch bei seinen Beratungsstunden, zu denen im Schnitt acht bis zehn Leute gehen. „Es sind welche dabei, die kommen seit Jahren immer wieder, andere sehe ich nur einmal.“

Der zweifache Vater und Großvater kämpft außerdem für eine sichere Stadt. Er ist Vorsitzender des Präventionsprojekts „Förderverein sicheres Offenbach“. Auch gegen Fluglärm engagiert er sich seitens der Evangelischen Kirche. Seine Freizeit ist übersichtlich. Ähnlich bei Ehefrau Heide, mit der seit 1961 verheiratet ist. Sie arbeitet als Übersetzerin und ist beim Deutsch-Französischen Stammtisch aktiv. „Eigentlich wollten wir im Ruhestand viel reisen“, sagt Uhl lächelnd. „Irgendwie bleibt das auf der Strecke.“ Aber das scheint ihn nicht zu stören. „Ich bin froh und dankbar, umtriebig sein zu dürfen.“

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