Zurück im sicheren Hafen

+
Heidi Richter fand mit Hilfe des Diakonischen Werks nach einer schweren Zeit wieder ins geregelte Leben zurück. Dankbar besucht sie häufig die Teestube.

Offenbach ‐ Sie lacht viel, nippt fröhlich an ihrem Kaffee. Bei manchen Erinnerungen aber wird Heidi Richter ganz ernst. Die 66-Jährige hat es in ihrem Leben oft nicht leicht gehabt. Alkoholsucht und Wohnungslosigkeit sind mittlerweile abgeschlossene, aber feste Kapitel ihrer Geschichte. Von Veronika Szeherova

Eigentlich ist mein Leben bis zu einem gewissen Zeitpunkt immer in geordneten Bahnen verlaufen“, erzählt die gebürtige Sachsenhäuserin. Nach der mittleren Reife arbeitete sie als Sekretärin bei einer Metallgesellschaft, holte in dieser Zeit ihr Abitur nach und begann ein Pädagogik-Studium. Ihren Mann, einen Professor für Slawistik, verschlug es im Jahr 1974 beruflich nach Göttingen. „Als alter Frankfurterin ist mir der Umzug sehr schwer gefallen“, gibt Richter zu.

Das Studium schloss sie in Göttingen ab und begann, als Grundschullehrerin zu arbeiten. 1979, als ihre Tochter zur Welt kam, war die Welt für Richter noch in Ordnung. Aber als die Familie ein äußerst renovierungsbedürftiges Fachwerkhaus kaufte, fingen die Probleme an: „Ich fühlte mich hoffnungslos überlastet. Vormittags Unterrichten, Nachmittags um die Bauarbeiter und das Haus kümmern. Das Kind musste natürlich auch versorgt werden.“ Außerdem kümmerte sie sich auf dem eigenen Grundstück um ein Gnadenbrot-Pferd und um den kleinen Weinhandel, den die Familie nebenbei betrieb.

Die Scheidung war unabdingbar

Oft habe sie gar nicht gewusst, was sie zuerst machen soll, erinnert sich die Rentnerin. In einer solchen Situation griff sie eines Tages das erste Mal zur Flasche: „Wir hatten immer angebrochene Weinflaschen von den Probetagen unserer Weinhandlung bei uns liegen. Da dachte ich mir, bevor ich mich jetzt wieder an die Arbeit mache, gönne ich mir ein Schlückchen.“

Lesen Sie außerdem:

Im Wohnzimmer für Arme

Das wurde schnell zur Gewohnheit, aus einem Gläschen bald mehr. Heidi Richter machte einen Entzug. „Uns wurde sehr detailliert und einleuchtend beigebracht, welche Wirkung Alkohol auf Körper und Seele hat.“ Doch kaum war sie wieder zuhause, lockten Verführungen. „Die Weinflaschen standen immer noch herum.“ Ein großer Genießer sei ihr vor einigen Jahren gestorbener Gatte damals gewesen. Er wollte regelmäßig seine Zigarren und seinen Wein. „Die Scheidung im Jahr 1997 war unabdingbar“, sagt Richter. Der Kontakt blieb gut, auch zur Tochter. Auch, als die frisch Geschiedene sich entschloss, Göttingen zu verlassen.

Tiefe Dankbarkeit

In Offenbach wurde die Wohnung meiner Nichte frei, und ich zog ein“, erzählt Richter. Doch eine neue große Welle des Alkoholismus überrollte sie. Finanzielle Probleme führten zu einer Zwangsräumung der Wohnung. Ein Bekannter, bei dem sie kurzzeitig unterkam, erzählte ihr vom Übergangswohnheim der Diakonie in der Karlstraße 58. Dort zog sie 2003 für drei Monate ein, „in ein Doppelzimmer mit einer echten Stadtstreicherin.“

Richter ist begeistert, wie ihr damals geholfen wurde. Nicht mal krankenversichert und gemeldet sei sie gewesen. „Mein Alltag bekam Form und ein Ziel“, erzählt sie, „ich war wieder im wahren Leben angekommen.“ Nach zahlreichen Behördengängen bekam sie Hartz IV, und auch privat ging es bergauf. „Ich zog mit meinem Lebensgefährten zusammen, und bis heute sind wir da glücklich“, lächelt sie.

Tiefe Dankbarkeit empfindet sie gegenüber den Sozialarbeitern der Diakonie, die ihr und den anderen Hilfesuchenden stets „respektvoll und menschlich“ begegneten. Noch immer besucht sie regelmäßig und gern die Teestube in der Gerberstraße 15.

In Offenbach fand Richter auch den Weg zur Religion. Sie singt im Kirchenchor der Altkatholischen Gemeinde. „Ich habe in dieser Stadt und im Glauben meinen sicheren Hafen erreicht, fühle mich sehr wohl.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare