Ausgenutzt und ungeliebt

+
Europa wächst zusammen, wie der Brückenschlag zwischen Rumänien und Bulgarien über die Donau anschaulich beweist

Offenbach - Ivana S. und Mikail N. leben bereits seit fünf Jahren in der Stadt. Er hatte anfangs noch Glück: Sein Chef, ein Bauunternehmer aus dem Kreisgebiet, bezahlte ihn pünktlich und gut. Neun Euro bekam er als selbstständiger Bauhelfer die Stunde, berichtet Mikail. Von Peter Klein

Seine Frau Ivana arbeitete als Putzfrau. Nachdem Mikail Rückenprobleme bekommen und seine Frau die Putzstelle verloren hat, suchen sie verzweifelt Rat bei der Migrationsberatung der Arbeiterwohlfahrt (AWO).

Da beide türkischstämmige Bulgaren sind, können sie sich mit Ali Karakale von der AWO gut verständigen. Das Ehepaar kennt viele ihrer Landsleute, die an der Bieberer Straße und auch an der Geleitsstraße den Ärger der Anwohner erregen. Zum Gespräch haben sie Georg H. mitgebracht. Er ist seit fünf Monaten in Offenbach und lebt auf der Straße. Acht Euro die Stunde wurden ihm als Bauhelfer versprochen. Nach einer Woche Arbeit wurde er mit 50 Euro abgespeist.

Ein leeres Versprechen, wie sich herausstellte

Zwar können Bulgaren ohne Visa nach Deutschland einreisen, doch dürfen sie nur drei Monate bleiben. Wer länger verweilen will, benötigt einen Gewerbeschein und muss nachweisen, dass er von seinem Einkommen leben kann. Ansonsten muss er aus- und wieder einreisen.

Landsleute hatten Georg H. Arbeit und Unterkunft in Frankfurt versprochen. Ein leeres Versprechen, wie sich herausstellte. Als Arbeitsloser lieh Georg H. sich die 130 Euro für eine Busfahrkarte und kam nach Offenbach. Da er weder das Einkommen für die Freizügigkeitsbescheinigung noch das Geld für die Rückfahrt hat, will er nicht zur Polizei gehen.

So oder so, an Rückkehr denkt er nicht. „Was soll ich in Bulgarien? Ich habe nichts, außer das, was ich am Körper trage, aber hier habe ich wenigstens eine Perspektive. Mit Anfang 40 bin ich ja recht jung. Und ich nehme jede Arbeit an“, versichert Georg H.

Das Gewerbe scheint straff organisiert zu sein

Mikail N. hat in Bulgarien in einer Fabrik als Fräser gearbeitet, seine Frau als Verkäuferin. Ihre Söhne haben schon vor zehn Jahren das Land verlassen und arbeiten in Frankfurt im Reinigungsgewerbe. Als die Eltern arbeitslos wurden, sind sie ihnen hinterher gereist. Die Sozialhilfe in Bulgarien liege bei 13 bis 15 Euro im Monat, da sei alles andere besser gewesen, als zu bleiben. Mikail N. erzählt, dass viele seiner Landsleute an der Bieberer Straße stehen, weil sie seit Monaten auf ihr Geld warten und nur vertröstet werden.

Das Gewerbe scheint straff organisiert zu sein. Am Treffpunkt an der Geleitsstraße, von Landsleuten auch Kaltes Café genannt, warten die Arbeiter, bis ein so genannter Arbeitsanweiser komme und sie zur Baustelle bringt oder fährt. Manchmal müssen die Arbeiter die Hälfte der Fahrtkosten zur Baustelle selbst bezahlen, wie sie beklagen. Den Chef bekommen die Arbeiter nie zu Gesicht. Davon, zur Polizei zu gehen, hält auch Mikail N. nichts. Zum einen hat er Angst, verprügelt zu werden; zum anderen ist er überzeugt: „Die sind etabliert und haben Geld, die können sich einen Rechtsanwalt leisten und sind im Zweifelsfall schneller wieder aus dem Gefängnis raus als wir.“

Schnell kein Geld für die Miete da

Ivana weiß, dass Bulgaren bei Vermietern in Verruf geraten sind. Aber wenn die Honorare nicht gezahlt werden, sei schnell kein Geld für die Miete da. Mikail sagt, er habe in Offenbach viele Gruppen von Ausländern gesehen, aber es ärgere ihn, dass sich die Leute nur über Bulgaren aufregten. „Dabei sind wir doch diejenigen, die am härtesten arbeiten.“

An Rückkehr denkt das Ehepaar nicht. „In Bulgarien gibt es keine Arbeit, aber eine Mafia, die bis in die Regierung reicht. Was sollen wir dort? Ich will mir hier etwas aufbauen, ich nehme jede Arbeit an“, wirbt Mikail N. für sich. Wie Georg H. hofft das Ehepaar, dass dies alles nur Anfangsschwierigkeiten auf dem Weg zu einem besseren Leben sind...

Kommentare