„Wir können nicht mehr“

Zustrom aus Südosteuropa ebbt nicht ab

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Sie wagt sich noch nach Offenbach: Im vergangenen November stattete die hessische Kultusministerin Nicola Beer der Waldschule einen Besuch ab.

Offenbach - Was haben der Landkreis Waldeck-Frankenberg und die Stadt Offenbach gemeinsam? Beide Gebietskörperschaften trüben die Bilanz des ersten Landessozialberichts, der bereits im Mai vergangenen Jahres vorgestellt wurde. Von Fabian El Cheikh

Was der hessischen Kultusministerin Nicola Beer (FDP) seither schlaflose Nächte bereiten sollte, ist vor allem Kapitel 10, das sich den Lebensumständen von Kindern und Jugendlichen widmet. Wer nachschlägt, erfährt: Neun von hundert Abgängern verlassen hier wie dort die Schule ohne einen Abschluss.

Damit liegt Offenbach mit an der traurigen Spitze in Hessen, wohingegen die Quote im Landesdurchschnitt deutlich zurückgegangen ist: seit 2006 von 13,7 auf zuletzt drei Prozent. Die Schieflage am Main ist weithin bekannt: der hohe heimische Migrantenanteil, der wachsende Zustrom von Seiteneinsteigern – also Schüler ohne oder mit nur rudimentären Deutschkenntnissen – und damit verbunden die zu geringe Zahl an Lehrern. So weit der Blick zurück. Der Ist-Zustand? Den beantwortet der SPD-Stadtverordnete Lutz Plaueln unmissverständlich: „Wir haben immer noch zu wenig Lehrer. Das Land investiert nach wie vor unzureichend in Bildung.“ Zumal immer mehr Seiteneinsteiger aus Bulgarien und Rumänien in die Schulen strömen. Wie der Leiter des Landesschulamts, Dr. Peter Bieniußa, berichtet, platzen die Klassen im Innenstadtbereich aus allen Nähten, meldeten sich Schulleiter, die ihrer Verzweiflung Nachdruck verleihen: „Wir können nicht mehr!“

Genaue Zahlen kann das Schulamt nicht nennen

Genaue Zahlen kann das Schulamt nicht nennen, „die schwanken stark, weil viele Zuzügler aus Südosteuropa nur eine Zeitlang in Offenbach verweilen, dann umziehen und zum Teil später wieder zurückkommen“. Zahlen, die wiederum Schuldezernent Felix Schwenke (SPD) nennt, unterstreichen die Brisanz: So wurden Ende August 280 Seiteneinsteiger gezählt, schon zwei Wochen später waren weitere 50 hinzugekommen. „Allein seit Oktober mussten wir sechs neue Klassen à 15 Schüler in der Sekundarstufe aufmachen, die“, so Bieniußa, „zu der von uns schon eingeplanten zusätzlichen Schülerzahl noch unvorhergesehen hinzukamen.“ In diesen Integrationsklassen wird den Kindern zunächst mal Deutsch beigebracht. „Manche sind gar Analphabeten.“

Zusätzlich wurden zugezogene Grundschulkinder ohne Deutschkenntnisse auf Klassen am Stadtrand verteilt, also außerhalb des eigentlichen Schulbezirks, um den Druck in der Innenstadt zu mildern. Dort sollen sie durch die Interaktion mit Klassenkameraden nach und nach zur deutschen Sprache finden. „Das funktioniert bei jungen Kindern noch ganz gut, nicht mehr aber in der Mittelstufe.“ Damit aber noch nicht genug: Um der Masse irgendwie Herr zu werden, musste das Schulamt Lehrkräfte von den Deutschförderkursen abziehen und diese einstellen, obwohl sie eigentlich für den nicht geringen Anteil heimischer Schüler gedacht waren, die ebenfalls Probleme mit der deutschen Sprache haben. Sie machen inzwischen 60 bis 70 Prozent der Schüler im Innenstadtbereich aus.

Die Alarmglocken schrillen

In Wiesbaden müssten angesichts dieser Zustände die Alarmglocken schrillen. „Tun sie auch“, versichert Schwenke. „Das Problem hat auch Kultusministerin Nicola Beer erkannt, schriftlich ebenso die besondere Lage der Stadt. Das nehme ich ihr auch als Sozialdemokrat ab.“ Und die Lösung? Auch die ist längstens bekannt: der von der Stadt seit Jahren geforderte Sozialindex, nach dem Offenbach deutlich mehr Lehrerstellen zugewiesen bekäme als es nach dem jetzigen Verteilungsschlüssel des Landes möglich ist. Der weist Pädagogen lediglich nach der Schülerzahl den Städten und Gemeinden zu.

Der Haken: Das Thema ist politisch äußerst brisant. „Wenn Offenbach mehr Lehrer erhält, müssten sie anderswo abgezogen werden“, erläutert Schwenke nach der jüngsten Sitzung des Kultur- und Schulausschusses im hessischen Städte- und Gemeindebund. Ein Verteilungskampf zwischen Stadt und Land drohe, den die Ministerin zumal im Wahljahr kaum ausfechten bereit sei.

Überraschend eine Entscheidung getroffen

Vielleicht aber auch deshalb, weil die Regierung in Wiesbaden im kommenden September wiedergewählt werden möchte, hat Ministerin Beer nun doch überraschend eine Entscheidung getroffen: Zumindest 300 der gestern verkündeten zusätzlichen Lehrerstellen fürs kommende Schuljahr verteilt das Land über den geforderten Sozialindex. Wieviele von ihnen künftig die Misere an den Offenbacher Schulen mildern werden, ist noch nicht bekannt. Ebenso wenig, ob die eingestellten Deutsch-Förderkurse dann wieder aufgenommen werden können. Nach bisherigen Berechnungen müssten Stadt und Kreis Offenbach zusammen gut 30 Stellen extra erhalten.

Für den Offenbacher Schuldezernenten Schwenke sind die gestern verkündeten Zahlen des Ministeriums daher nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. „Das löst unsere Schwierigkeiten noch lange nicht.“

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