Zuwanderung aus Osteuropa

Wirtschaft auf Fachkräfte angewiesen

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Die meisten Rumänen, die bislang gekommen sind, bringen Qualifikationen mit. Anders der 45 Jahre alte Kalin aus Rumänien. Er hat auf dem Gelände einer ehemaligen Möbelspedition in Frankfurt mit weiteren Kollegen notdürftige Unterkünfte eingerichtet. Ihr Geld verdienen sie nach eigenen Angaben mit Gelegenheitsjobs auf dem Bau, dem Verkauf von Sperrmüllartikeln auf dem Flohmarkt und dem Sammeln von Altmetall und Pfandflaschen. Warme Mahlzeiten und Duschen gibt es bei der Diakonie.

Offenbach - Abwartend reagiert die Wirtschaft in Stadt und Kreis Offenbach auf die Zuwanderung von Rumänen und Bulgaren in die Region. Von Marc Kuhn und Fabian El Cheikh

„Wir gehen nicht davon aus, dass es 2014 zu einem größeren Anstieg der Einwandererzahlen kommt, sondern glauben eher, dass Unternehmen mit Sitz in Bulgarien und Rumänien ihre Leistungen verstärkt auf dem deutschen Markt anbieten werden“, erklärte der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Offenbach, Markus Weinbrenner, unserer Zeitung.

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Gleichwohl bräuchten Unternehmen in der Region qualifizierte Arbeitskräfte auch aus dem Ausland, um im Wettbewerb bestehen zu können. „Die Diskussion über eine ,Armutszuwanderung’ betrachten wir dabei als kontraproduktiv, da sie genau diese Zielgruppe abschreckt“, sagte Weinbrenner weiter. „Generell lässt sich sagen, dass die Rumänen und Bulgaren, die in Deutschland – und damit auch in Stadt und Kreis Offenbach – arbeiten wollen, bereits da sind.“ Der IHK-Chef verweist auf die jüngsten Existenzgründungszahlen. 2012 hatte jeder zweite der mehr als 8 670 Existenzgründer einen Migrationshintergrund. Rumänen (556) und Bulgaren (453) würden bei den 73 Nationalitäten an der Spitze liegen. „Grund hierfür dürfte die bis Ende 2013 gültige eingeschränkte Arbeitnehmerfreizügigkeit gewesen sein“, sagte Weinbrenner. Nur über den Umweg einer Gewerbeanmeldung hatten Zuwanderer aus den beiden neuesten EU-Ländern in der Vergangenheit die Möglichkeit, in Deutschland zu arbeiten.

Preisdumping durch ostdeutsche Firmen

Nach Ansicht von Kreishandwerksmeister Wolfgang Kramwinkel sind die Betriebe in der Region an ausländische Mitarbeiter seit Jahrzehnten gewöhnt. „Wir haben immer Fachkräfte benötigt.“ Einst kamen die Gastarbeiter, heute Bürger aus den neuen EU-Staaten. „Vor allem in Gewerken ohne Zugangsvoraussetzungen, ohne Meisterprüfung, haben nach der Osterweiterung viele Polen Arbeit gefunden.“ Manch ein Fliesenleger, Uhrmacher, Sonnenschutztechniker oder Raumausstatter hat sich aber auch selbstständig gemacht – mit allen Vor- und Nachteilen. Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft, umgekehrt leiden die Handwerksbetriebe in Rhein-Main unter Preisdumping, besonders auch durch ostdeutsche Firmen. Wichtig ist Kramwinkel, dass die Betriebe – egal, ob ausländische oder deutsche – Jugendlichen Ausbildungsplätze anbieten. „Wir, die Kreishandwerkschaft, haben deshalb auch etwa 42 junge Leute aus Spanien hergeholt, damit sie bei uns ihre Ausbildung machen können.“

Dass ein Unterlaufen deutscher Lohn- und Arbeitsbedingungen durch ausländische Anbieter verhindert werden müsse, darauf drängt der Zentralverband des deutschen Handwerks in Berlin: „Aus unserer Sicht bedeutet das Recht auf Freizügigkeit die freie Wahl des Arbeitsortes, nicht aber des Sozialsystems. Tatsächliche Fälle von ,Sozialtourismus’ müssen von den Kontrollbehörden konsequent verfolgt und geahndet werden.“ Dessen ungeachtet habe das Handwerk stets die Schaffung und Ausweitung eines europäischen Binnenmarktes befürwortet. Die Betriebe bräuchten qualifizierte Fachkräfte. Der Zuzug aus allen EU-Ländern werde begrüßt. Bei international tätigen Firmen wie SAP ist ein hoher Ausländeranteil sogar explizit gewünscht. Im „Handelsblatt“ betonte Arbeitsdirektor Werner Brandt: „Gemischte Teams erzielen die besseren Ergebnisse.“

Unterkünfte von rumänischen Arbeitern

Unterkünfte von rumänischen Arbeitern

Kein Verständnis für die Debatte über ,Armutszuwanderung’ zeigt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). „Die aktuelle Diskussion zeigt: Wir müssen weiter an einer Willkommenskultur für Zuwanderer arbeiten“, sagte Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. Schon jetzt hätten fast 18 Prozent der Erwerbstätigen einen Migrationshintergrund. „Wir müssen eine Sensibilisierung dafür schaffen, dass Zuwanderung im Interesse Deutschlands ist. Sie hilft, Wachstum zu sichern und die Sozialsysteme zu stabilisieren.“ Ohne gemeinsame Anstrengungen würden im Jahr 2025 bis zu sechs Millionen Arbeitskräfte fehlen –und damit bis zu 15 Prozent der Erwerbstätigen.

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