Zwang zum Sparen bringt Einschnitte

Ein schwieriger Spagat

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Anja Georgi, Geschäftsführerin von NiO und OVB, und Olaf Ortmann, OVB-Abteilungsleiter Verkehr und Betrieb, bereiten den Offenbacher Fahrplanwechsel im Rhein-Main-Verkehrsverbund vor. Die guten Mienen täuschen. Ab Dezember gibt es einige Einschnitte – vor allem in den sogenannten Randstunden.

Offenbach - Die Vorgaben der Politik sind hart und weiterhin umstritten: Die OVB sollen bei künftigen Verkehren sparen, obwohl das Liniennetz wächst. Das alles greift zum Fahrplanwechsel im Dezember 2014. Von Martin Kuhn 

Mit Details hält sich Anja Georgi zurück. Bewusst. Obwohl alles schwarz auf weiß vorliegt. Schließlich geht das Fahrplanbuch 2014/15 bald in Druck. Georgi, die den öffentlichen Personen-Nahverkehr in Offenbach organisiert, stimmt allerdings auf Einschnitte ein: Es trifft werktags nahezu alle Buslinien. Darauf können sich alle Berufspendler einstellen. Einzelheiten, für den einen oder anderen sicher schmerzhaft, gibt es zum turnusmäßigen Fahrplanwechsel am 14. Dezember. Das ist in etwa so zusammenzufassen: neue Linienwege, andere Fahrzeiten, veränderte Anschlüsse. „Jeder Eingriff hat Folgen und bleibt nicht ohne Auswirkung an anderer Stelle“, sagt die Geschäftsführerin der beiden Gesellschaften Nahverkehr in Offenbach (NiO) und Offenbacher Verkehrs-Betriebe (OVB). Das erfordert viel Vorlauf und viel Fingerspitzengefühl. Zum Stichtag am 14. Dezember, wenn der neue RMV-Fahrplan in Kraft tritt, muss das komplexe Offenbacher Räderwerk aus lokalen und regionalen Bus- und Bahnlinien nach einem neuen zeitlichen Ablauf ineinander greifen und mit dem Verbundsystem vernetzt sein.

Neue Investitionen in den Ausbau des Busliniennetzes wie die für Ende 2016 geplante Erweiterung der Linie 108 bis Bürgel-Ost sind zu kompensieren. Das lokale Spardiktat findet seinen Niederschlag im ÖPNV: Der jährliche Zuschussbedarf von zuletzt 8,4 Millionen Euro darf sich nicht erhöhen. In einer Mitteilung ist das so formuliert: „Optimierte Betriebsabläufe und möglichst verträgliche Leistungseinschränkungen in Randzeiten, insbesondere in den Abendstunden.“ Übersetzt heißt das wohl: Zwischen 4 und 6 Uhr sowie ab 18.30 Uhr rollen die Busse nur noch alle 30 Minuten anstelle des bisherigen 15-Minuten-Takts. Punkt. Details? „Wie gesagt; im Dezember.“ Dann wird Carmen Ruh wissen, ob eine dieser „verträglichen Leistungseinschränkungen“ sie trifft: die bei Erstellung des Nahverkehrsplans 2013-2017 diskutierte Verkürzung der Linie 107. Ihre tägliche Strecke zur Arbeit endet an der Haltestelle Kaiserleistraße. Von dort geht sie fünf Minuten zu Fuß; entfällt dieser Halt, rechnet sie mit einem Fußmarsch „von mindestens 15 Minuten“.

Leistungsangebot erweitern, gleichzeitig sparen

Es sind solche Fälle, die den schwierigen Spagat der Nahverkehr-Organisierer verdeutlichen. „Einerseits wollen wir das Leistungsangebot erweitern, um Offenbacher Neubürgern Anschluss an unser modernes ÖPNV-Netz zu bieten, andererseits müssen wir im bestehenden System Kosten senken“, sagt Georgi. Wie in jedem Jahr hat das Mobilitätsteam gründlich analysiert, Anregungen und Fahrgastzählungen ausgewertet. Die Ergebnisse bilden das Grundgerüst für die Feinplanung des Fahrplanwechsels. Die OVB leiten daraus dann konkrete Linienwege, Fahrtzeiten und Umläufe sowie in der Folge eine genaue Bedarfs- und Einsatzplanung für Personal und Fahrzeuge ab. „Das ist alles ein großes Puzzle“, sagt Olaf Ortmann, OVB-Abteilungsleiter Verkehr und Betrieb, über die Aufgabe, einerseits das sogenannte Verkehrsvolumen zu bedienen, andererseits die Kosten zu senken und sich bei der Dienstplanung weiterhin an gesetzliche und tarifliche Vorgaben zu halten.

Die Möglichkeiten für eine „kostensparende Effizienzsteigerung“ im lokalen Linien-Verkehr sind jedoch begrenzt. Die regionale Vernetzung und vor allem der Schnell-Bahn-Betrieb gibt den Planern feste Koordinaten vor. So bestimmt die S-Bahn vor allem im Spätverkehr den Anschlusstakt der OVB-Busse, die etwa am Marktplatz jeweils sechs Minuten lang auf die Umsteiger warten. Dennoch ist es dem Team gelungen, noch ein wenig Einsparpotenzial auszuloten. „Wir versuchen so zu sparen, dass es den Fahrgästen am wenigsten weh tut.“ Da sind Einzelfälle wohl oder übel jedoch ausgenommen... „Gerade in einer Großstadt ist umweltfreundliche Mobilität ein wichtiger Bestandteil öffentlicher Daseinsfürsorge“, sagt Georgi. Die Stadt unterhalte ein öffentliches Nahverkehrssystem mit anerkannt hohen Standards wie dichtem Liniennetz und guten Anschlussverbindungen. Dazu zählt auch die kontinuierliche Erneuerung der OVB-Busse – drei bis fünf pro Jahr –, die wahre Kilometerfresser sind.

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Ein Standardmodell legt jährlich gut 65.000 Kilometer zurück, die größeren Gelenkbusse kommen auf immerhin 45.000. Es gelte, dieses gute Niveau möglichst zu halten und nötige Eingriffe so verträglich wie möglich zu gestalten. „Dazu müssen wir strategisch denken“, sagt die Expertin und zielt damit auf ein „multimodales System öffentlicher Verkehrsmittel“. Wie bitte? „Der Fahrgast braucht die letzten Meter nicht unbedingt mit dem Bus abzuwickeln“, sagt Georgi. Dazu müssten jedoch S-Bahn, Bus, Fahrrad und Elektromobilität gut miteinander verknüpft werden. Das scheint eine Kernaufgabe der kommenden Jahre. „Wir müssen diese Möglichkeiten attraktiver gestalten“, sagt sie. Was ohne Frage zusätzlich Geld kostet.

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