Zwei Klassen Trauergäste?

Offenbach ‐ Es lässt die Angehörigen nicht ruhen, was sie auf dem Parkplatz des Neuen Friedhofs erlebten. Sie hegen den Verdacht, Offenbach habe sich eine Art Zweiklassen-Parkrecht für Hinterbliebene leisten wollen. Von Thomas Kirstein

Dass man dies beim für die Gräberfelder zuständigen Stadtdienstleister ESO als ohne Grundlage von sich weist, kann sie nicht vom Gegenteil überzeugen.

Es trifft sich am 30. April 2010 , dass vormittags sowohl die Mutter von Kai Sperling als auch der mit 90 Jahren verstorbene ehemalige Sozialdezernent Kurt Busch zu Grabe getragen werden sollen. Als die Trauergemeinde der „einfachen Offenbacherin“ (ihr Sohn) eintrifft, sind gut drei Viertel der Parkfläche mit Trassierband abgesperrt. Weder ist eine Baustelle erkennbar, auch handelt es sich offenkundig nicht um einen rotweißen Abschiedsgruß der Offenbacher Kickers, bei denen die Verstorbene in jungen Jahren Handball gespielt hatte.

Da die wenigen verbliebenen Plätze schnell besetzt sind, entsteht bald ein Rückstau bis auf die Mühlheimer Straße. Als erste Besucher die provisorische Absperrung beseitigen, schreitet ein anwesender Friedhofsmitarbeiter nicht dagegen ein. Betroffene wollen gehört haben, wie er stattdessen per Mobiltelefon jemand Vorgesetztes wissen ließ, er mache jetzt „den Quatsch hier“ nicht mehr mit.

Keine Wertung der Friedhofsbesucher

So geht die erste Beisetzung fast problemlos vonstatten - allerdings können sich ein paar Gäste nicht mehr ins Kondolenzbuch eintragen oder verpassen den Beginn der Feier. Anschließend macht in der Trauergemeinde die Theorie die Runde, die Stadt habe wohl den erwartet zahlreichen Trauergästen der anschließenden Beerdigung „eines Stadtverordneten“ Parkplätze reservieren wollen. Woher das stammt, kann Leser Sperling nicht angeben.

ESO-Sprecher Oliver Gaksch spricht die Friedhofsverwaltung von einem solchen Verdacht völlig frei. „Wir nehmen keine Wertung der Friedhofsbesucher vor, dafür lege ich meine Hand ins Feuer“, sagt er. Dass für Prominenz Parkraum frei gehalten werde, während anderen Besuchern längere Fußwege zugemutet würden, wäre kein pietätvolles Verhalten und „gar nicht vertretbar“.

Das Vorhandensein von Trassierband an diesem Vormittag will Gaksch nicht leugnen: Die am Vorabend erfolgte Absperrung sei aber lediglich dem Zweck geschuldet gewesen, angesichts zweier aufeinander folgender Trauerfeiern den Gästen ausreichend Parkraum zu sichern.

Die Maßnahme habe sich also gegen in den umliegenden Betrieben tätige Pendler gerichtet, die oft die Friedhofsparkplätze blockierten, erläutert ESO-Mann Gaksch.

Kai Sperling und seine Verwandtschaft bringt diese offizielle Version nicht vom ursprünglichen Eindruck ab. „Der junge Mann, der die Sperre verteidigen sollte, hat ja erst telefoniert, als er sich ein bisschen bedrängt fühlte“, erzählt er.

Zudem kann er sich nur sehr schlecht vorstellen, dass noch für 10 Uhr ernsthaft ein größerer Pendler ansturm auf den Friedhofsparkplatz erwartet worden wäre. Und für Fremdparker, die zu lange dort stehen, kann es ja auch teuer werden. Häufig und streng werden die vorgeschriebenen Parkscheiben von der Ordnungspolizei kontrolliert.

Was auch immer zutreffen mag. Als sicher kann gelten, dass am Neuen Friedhof so schnell kein Parkraum mehr vorsorglich abgesperrt werden wird.

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