Zweifelhafter Nutzen

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Überklebt: Schneider nutzt ausgediente Grünen-Plakate.

Offenbach (mad/dpa) - Sie wollten sich in den nächsten zwei Wochen noch einmal richtig ins Zeug legen, so richtig Gas geben, versprachen die Gewinner des ersten Durchgangs der OB-Wahl, Amtsinhaber Horst Schneider (SPD) und Herausforderer Peter Freier (CDU), noch am Wahlabend.

Konnten die Kandidaten über die üblichen Info-Stände und wachsenden Unterstützerkreise hinaus tatsächlich noch eine Schippe drauflegen in einem bislang eher zahmen Wahlkampf?

Nun, bei Peter Freier darf man das mit dem Gas geben, durchaus wörtlich nehmen. Fährt doch ein mit seinem Konterfei und seinen Wahlkampfparolen zugepflasterter Kleinlaster seit kurzem durch die Stadt. Die Union bezeichnet ihn trotz vor allem gegen den amtierenden OB gerichteten Aussagen als „Alarmwagen“ gegen die Wahlmüdigkeit, der die Offenbacher wachrütteln soll.

Der Lkw hat ein Frankfurter Kennzeichen

Man kann das durchaus eine pfiffige Idee nennen, erreicht Freier dadurch doch eine wesentlich größere Präsenz. Während der aus grüner Ecke zu hörende Vorwurf, das Herumgondeln mit dem Laster belaste die ohnehin nicht besonders gute Offenbacher Luft zusätzlich, in diesem Fall als lässliche Sünde angesehen werden kann, setzt sich der CDU-Kandidat wegen eines anderen Umstands möglicherweise dem Vorwurf aus, mangelnden Lokalpatriotismus an den Tag zu legen: Der Lkw hat ein Frankfurter Kennzeichen.

Mobil: Freier lässt „Alarmwagen“ rollen.

Vermutungen vorbeugen wollen dagegen die Grünen: Nein, es sei keine verkappte Wahlempfehlung, dass rund 30 Plakate ihrer ausgeschiedenen Kandidatin Birgit Simon mit jenen von Horst Schneider überklebt sind. „Die SPD hat bei uns angefragt, ob sie das machen darf und wir haben zugestimmt“, sagt Grünen-Chef Wolfgang Malik. Die Zustimmung sei innerhalb der Partei unumstritten und man verstehe es als Selbstverständlichkeit, der Bitte des Koalitionspartners nachzukommen.

Für Ordnungsdezernent Paul-Gerhard Weiß, der Kraft Amtes ein Auge auf Wahlplakate zu werfen hat, ist die Verwandlung „rechtlich sauber und allenfalls politisch interessant“. Er weist darauf hin, dass es keine mengenmäßige Beschränkung bei den Plakaten gibt, sondern nur eine zeitliche: Sie dürfen frühesten sechs Wochen vor einer Wahl und spätestens bis eine Woche danach stehen oder hängen.

Experten bezweifeln den Nutzen der meisten Wahlplakate

Egal ob mobil oder stationär - Experten bezweifeln den Nutzen der meisten Wahlplakate. Porträtfotos der Kandidaten sind aus Sicht eines Medien-Forschers völlig nutzlos. „Das Geld könnten sich die Parteien sparen“, sagte kürzlich der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider der Nachrichtenagentur dpa. Der Effekt sei sogar negativ, weil sich die Menschen über diese inhaltsleeren Plakate aufregten. Brettschneider hat bei Untersuchungen festgestellt, dass auch reine Textplakate nicht funktionierten.

„Ob wir uns ein Plakat merken oder nicht, hat mit der emotionalen Wahrnehmung zu tun. Bei einem Bild haben wir unbewusst eine positive oder negative Stimmung. Texte hingegen werden nicht bewertet.“ Tests hätten gezeigt, dass sich Versuchspersonen am besten an Plakate mit Bildmotiven zu einem bestimmten Thema erinnern könnten.

„Es geht um Masse“

Für die Parteien ist es laut Brettschneider durchaus sinnvoll, sehr viele Großflächenplakate entlang der Straßen aufzustellen und an Laternenmasten drei oder vier Plakate untereinander zu hängen. „Es geht um Masse.“ Die Botschaften sollten von den Menschen immer und immer wieder wahrgenommen werden, damit sie ankommen. „Es gilt: Lieber wenige Motive sehr häufig als viele Motive nur vereinzelt.“

Für politische Inhalte spielen neben den Wahlprogrammen auch die Internetauftritte der Parteien eine wichtige Rolle. Für Parteimitglieder, so Brettschneider, seien die Internetauftritte mittlerweile wichtiger als Plakate, weil sie gerade in sozialen Netzwerken mit den Wählern kommunizieren könnten.

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