Zweites Leben für Bilal

+
Hermann Schoppe überreicht seine Spende an Bilal und dessen Mutter Ghazala Raja. Henrik Menke wird Bilal operieren.

Offenbach - Bilal ist ein Kämpfer. Er hat überlebt. Gerade mal einen Monat war er alt, als das Schicksal mit aller Wucht zuschlug: Ein Brandanschlag auf das Haus seiner Eltern in Pakistan verwandelte das Zimmer, in dem er gerade schlief, in eine Feuerhölle. Von Veronika Szeherova

Im letzten Moment konnte seine Mutter den Säugling aus dem Bettchen retten. Doch die Flammen haben ihr zerstörerisches Werk vollbracht: Der kleine Junge hat schwerste Verbrennungen am Gesicht, an Armen und Füßen. Die pakistanischen Ärzte sahen für ihn keine Hoffnung mehr. Doch sein Lebenswille war stärker.

Heute ist Bilal Raja neun Jahre alt. Die Brandnarben haben ihn entstellt. Atmen und Essen ist mit Schwierigkeiten verbunden, sein rechtes Auge kann er nicht schließen, seine Hände sind verstümmelt – zugreifen kann er nicht. Trotzdem ist er ein fröhliches, aufgewecktes Kind, das gern Fahrrad fährt, seit einigen Monaten die zweite Klasse besucht, dort Deutsch lernt und seinem neuen, zweiten Leben entgegenblickt. Im Herbst wird er im Klinikum Offenbach in mehreren Etappen operiert. Ziel ist, ein möglichst normales, selbstständiges Leben zu führen.

Förderverein des Klinikums aktiv

Der Förderverein des Klinikums hat das in die Wege geleitet. „Ein Mitglied sprach sich dafür aus, neben unseren sonstigen Tätigkeiten individuelle Hilfsprojekte zu fördern, wenn die Kassen nicht greifen“, sagt der Vorsitzende Hermann Schoppe. „Unsere Satzung spricht sich im weitesten Sinne für humanitäre Hilfe aus, und auch andere Krankenhäuser machen solche Aktionen, also haben wir zugestimmt.“ Am Anfang war die Idee – dann erst entschied sich der Förderverein für Bilal. Im Dezember 2011 kam er mit seiner Mutter und seinen drei Schwestern von Pakistan nach Deutschland und wurde im Asylantenheim Klein-Krotzenburg aufgenommen. Die Familie Raja gehört zur Religionsgemeinschaft der Ahmadiyya und wurde deshalb in der Heimat verfolgt. Auch der Brandanschlag ist mit großer Wahrscheinlichkeit dadurch motiviert.

Mit insgesamt 50.000 Euro will der Förderverein die Behandlung unterstützen. „Wir haben den Betrag zugesagt, ohne das Geld zu haben“, sagt Schoppe. Er selbst übergab 2730 Euro, verzichtete zugunsten dieser Spende auf Geburtstagsgeschenke. Auf weitere Spenden hofft der Verein, für den 28. Oktober plant er ein Benefizkonzert.

Die erste Operation

Bis dahin dürfte Bilal die erste Operation hinter sich haben. Mindestens drei werden nach Ansicht des behandelnden Arztes Professor Henrik Menke nötig sein. Eine besondere Herausforderung stellt die Rekonstruktion der rechten Hand dar. „Sie hat eine massive Fehlstellung, Sehnen und Gefäße sind verkürzt“, erläutert Menke. „Wir müssen sie nach und nach aufdehnen, damit Bilal die Finger wieder benutzen kann.“ Bei den Füßen wird ähnlich verfahren. Das vernarbte, verzerrte Gesicht muss von den tiefen Schichten ausgehend wiederhergestellt werden.

„Zauberkünstler sind wir keine, alle Folgen können wir natürlich nicht beseitigen“, so der Chefarzt vom Schwerbrandverletzten-Zentrum. Er weiß, dass ein Kind in diesem Alter bereits ein gewisses Verständnis für die Maßnahmen hat – was ein Grund war, warum Bilal ausgewählt wurde. „Am wichtigsten für ihn ist ein funktionierendes Netzwerk von Betreuern und Vertrauenspersonen.“

Klinikum-Geschäftsführerin Franziska Mecke-Bilz betont, dass sie volles Vertrauen in Bilals Zukunft habe: „Dafür stellt das Klinikum gern seine Infrastruktur und Personal zur Verfügung.“ Der kleine Kämpfer lächelt und verabschiedet sich mit einem schüchternen „Tschüss“.

Kommentare