Müllsünder

Skelette, Blut, Drogenbesteck: Mülldetektive zwischen Ekel und Entsetzen

Offenbachs Mülldetektive kommen mit Spürsinn und Köpfchen immer mehr Abfall-Sündern auf die Spur.
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Offenbachs Mülldetektive kommen mit Spürsinn und Köpfchen immer mehr Abfall-Sündern auf die Spur.

Die Abfallermittler des Ordnungsamtes sind den Müllsündern auf der Spur. An Ekel-Funde haben sie sich gewöhnt, doch auch Blutiges und Drogenbesteck gehört dazu.

Offenbach – Einen festen Magen und wenig Berührungsangst – ohne diese beiden Eigenschaften kann man in Offenbach kein Mülldetektiv sein. Soviel steht nach einem Tag an der Seite von Fabio R. und Tobias G. fest.

Die beiden Abfallermittler des Ordnungsamts bringen diese Voraussetzungen jedenfalls mit. Ihren Nachnamen wollen die beiden Offenbacher nicht in der Zeitung lesen. „Viele Leute bekommen wegen unseren Ermittlungen richtig Ärger“, begründet Tobias G. die Entscheidung. Zu groß ist die Sorge, dass ein verknackter Müllsünder „nochmal das Gespräch suchen will.“

Die Redaktion hat die beiden auf ihrer täglichen Detektivtour durch die City begleitet – und dabei gelernt, dass Müll mehr über den Verursacher aussagt, als man im ersten Moment annehmen würde. Und genau das ist es auch, was sich die beiden Abfalldetektive zunutze machen.

Die gefunden Unterlagen werden von Tobias G. durchgeblättert.

Müll in Offenbach: Skelett vor einer Tennisanlage

Alles beginnt mit einem Klemmbrett und einem Stapel Din-A4-Zetteln im 13. Stockwerk des Stadthauses, Heimat des Ordnungsamtes und Sitz der Stabsstelle Sauberes Offenbach. „Das sind unsere Einsatzunterlagen für heute“, sagt Fabio R. Fünf Minuten später und 14 Stockwerke tiefer starten die beiden ihr Einsatzfahrzeug in der Tiefgarage, einen weißen Kastenwagen mit dezenter Ordnungsamtsaufschrift.

Erster Einsatz: Müllberg am Waldrand auf der Rosenhöhe. Als das Mülldetektiv-Mobil auf den engen Weg hinter den Tennisplätzen einbiegt, ist der angekündigte Berg schon von Weitem zu sehen. Entgegen der Meldung eines Spaziergängers aber nicht im Wald, sondern auf dem Parkplatz der Tennisanlage. Da liegen blaue Abfallsäcke neben Sofas, Stühlen, Möbeln. Aber auch ein halbes menschliches Skelett oder dessen Nachbildung. Ganz genau weiß man das nicht. Beruhigend: Aus den Knochen ragen Aufhängungen, und sie sind mit lateinischen Namen beschriftet.

Müll in Offenbach: Manchmal fährt das Ordnungsamt weiter

Tobias G. kniet sich hin und schneidet mit dem Messer seines Multifunktionswerkzeugs einen der blauen Müllsäcke auf. „Da haben wir doch schon was“, sagt er und zieht mit spitzen Fingern eine tropfenden Aktenordner hervor. Darin: Zahlreiche Abrechnungen mit Anschrift.

Inzwischen hat Kollege R. entdeckt, dass zum Müll auch ein paar ausrangierte Tennisplatzmarkierungsstreifen aus Plastik liegen. Den beiden kommt ein Verdacht. Einen Anruf beim städtischen Eigenbetrieb ESO später ist klar: Müllsünder waren es nicht, es gibt einen Abfuhrtermin. „Allerdings wurde das hier einfach hingeschmissen und das auch noch sehr früh. Fall erledigt.

Fabio R. blättert auf seinem Klemmbrett zum nächsten Einsatz: Zwei blaue Chemiefässer sind auf einem Parkplatz in Rumpenheim abgestellt worden. Die Meldung kam online über den Mängelmelder. Vor Ort wird dann schnell klar. Die beiden Plastikbehälter wurden als Regentonnen genutzt und nun entsorgt. Den Fund melden die beiden dem ESO und blättern weiter.

Geplante Tat: Müllermittler finden illegale Halde bei Bahngleisen in Offenbach-Ost

Das Klemmbrett weist als Nächstes nach Offenbach-Ost. Dort, nahe der Bahngleise haben Unbekannte gleich 20 Müllsäcke abgeladen, hinter einer Reihe Büsche, von der Straße nicht einzusehen. „Die, die dafür verantwortlich sind, haben das ganz genau geplant“, sagt Tobias R. „Die fahren nachts mit dem Lieferwagen hier rein und laden dann ganz gemütlich aus“, erklärt der Ermittler, während er die Säcke aufschneidet und durchwühlt. „Außer mal von einer vorbeifahrenden S-Bahn werden die hier von niemandem gestört.“ Beim ersten Sack hält sich der Ekel noch in Grenzen. Offenbar Verpackungsmüll, geruchsarm. Das Gegenteil dann bei Sack zwei.

Besonders schlimm ist es, wenn wir auf Drogenutensilien oder blutverschmierte Dinge stoßen

Tobias G., Müllermittler

Kaum gleitet das Messer durch die hauchdünne Plastikhülle, quillt eine undefinierbare, stinkende Masse heraus. R. rümpft professionell die Nase und wendet sich dem nächsten Sack zu. „Wir sind echt hart im Nehmen“, sagt er. Aber wenn ich nicht sicher sagen kann, ob ich mir beim Durchwühlen des Mülls etwas hole, dann lass ich die Finger davon. Eigenschutz geht vor.“ Denn die Angst, sich zu verletzen oder mit irgendetwas zu infizieren, schwingt bei den Mülldetektiven immer mit.

Die gemeldeten Chemiefässer entpuppen sich als Regentonnen, die auf dem Parkplatz entsorgt wurden.

„Besonders schlimm ist es, wenn wir auf Drogenutensilien oder blutverschmierte Dinge stoßen“, sagt Tobias G. Ein Fund hat sich bei beiden besonders ins Gedächtnis gebrannt. „Wir haben mal verweste Schafsköpfe im Wald gefunden. Das war schon hart“, erinnert er sich. „Man ist bei so was eigentlich immer irgendwo zwischen Ekel und Entsetzen. Da machen wir einen Bogen drum, egal ob das dann unsere Ermittlungen behindert oder nicht.“

Offenbach: Bei Müll nahe der Bahnschienen ist die Deutsche Bahn dafür verantwortlich

Am Ende des Gewühles hält Fabio R. ein mit braunen Flecken versehenes Blatt Papier in der Hand, darauf ein Briefkopf. „Das werden wir im Büro überprüfen“, erklärt er die weitere Vorgehensweise. Unterdessen wird der Müll der Deutschen Bahn gemeldet. „Die ist nämlich immer dann verantwortlich, wenn sich die Ablagerung auf Bahngelände befindet“, sagt Fabio R. „Schließlich kostet jede Müllentsorgung richtig Geld.“

Nur einen Steinwurf entfernt stoßen die beiden dann außerplanmäßig auf eine weitere illegale Ablagerung. Ein ganzer Berg, etwa zehn mal vier Meter in der Grundfläche, besteht aus kaputten Möbeln, Matratzen, verranztem Spielzeug und alten Reifen. Ganz oben: ein kaputtes Bobbycar. Die Suche nach Hinweisen bleibt jedoch erfolglos. „Da bekommt die Bahn noch mehr zu tun“, sagt R., macht eine Notiz und sichtet auf dem Klemmbrett den nächsten Fall: Hausmüll am Straßenrand im Nordend, direkt an einem Kleidercontainer.

Hinter einem Kleidercontainer sichtet Fabio R. die entsorgten Hausmüllsäcke.

Wieder kam die Meldung über den Mängelmelder. Vor Ort finden die beiden Hausmüll vor, drei Tüten, ganz offensichtlich von einer Familie. Das Wühlen beginnt. Nach drei miefenden Fischdosen, ein paar rohen Steaks und vollen Babywindeln geben die beiden auf. „Keine Hinweise“, sagt Tobias G. „Manchmal ist es ein schwieriger und undankbarer Job“, wird er wenig später auf dem Rückweg ins 13. Stockwerk des Ordnungsamtes sagen. „Wir müssen uns damit abfinden, dass wir oft den Verursacher nicht ermitteln können oder dass dieser sich später irgendwie herausreden kann.“ Dennoch ist er voller Zuversicht: „Wir kommen von Jahr zu Jahr immer mehr Müllsündern auf die Spur. Und außerdem wird durch unsere Arbeit die Stadt ja so oder so sauberer.“ (Christian Reinartz)

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