Wie groß ist die Bedrohung wirklich? Experten sind weiter uneins

Im Alter in die Armutsfalle

Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland

Offenbach (psh) - Viel wurde geredet, in schöner Regelmäßigkeit zu mehr privater Vorsorge aufgerufen, aber eines hat sich nicht geändert: Das Thema Altersarmut wird weiterhin völlig unterschätzt.

Niedriglöhne und Arbeitslosigkeit erhöhen für immer mehr Menschen in Deutschland das Risiko, im Alter nur eine niedrige Rente zu beziehen.

Im Koalitionsvertrag haben Union und FDP angekündigt, etwas gegen die drohende Altersarmut zu unternehmen. Getan hat die Regierung zwei Jahre lang nichts. Nun wird nach der Sommerpause der „Regierungsdialog Rente“ mit Experten und Interessenvertretern beginnen. Eine Sprecherin von Bundessozialministerin Ursula von der Leyen (CDU) sagte, ab Herbst werde sich der „Regierungsdialog Rente“ mit Lösungsansätzen für drohende Altersarmut befassen. Gewünscht sei ein breit angelegter Prozess. 2012 sollten Gegenmaßnahmen in Gesetzesform gegossen werden.

Wie stark die Altersarmut steigen wird, ist aber nach Angaben der „Westdeutschen Allgemeinen zeitung“ (WAZ) unter Experten umstritten. Der Arbeitssoziologe Gerhard Bosch von der Universität Duisburg/Essen verweist darauf, dass Langfriststudien vor wachsender Altersarmut warnen. Wie sehr, sei offen, denn: „Der Fachkräftemangel wird für steigende Löhne sorgen. Die geringfügig Beschäftigten von heute müssen nicht immer so wenig verdienen.“ Die Politik könne die Altersarmut beeinflussen: „Sie muss die Aufstiegschancen für Geringverdiener verbessern sowie Minijobs, Leiharbeit und Outsourcing begrenzen.“

Die Lage der Rentnerinnen und Rentner entwickelt sich nach Ansicht des Sozialverbands VdK auch deshalb so brisant, weil die Rentenkürzungsfaktoren Jahr für Jahr die Renten dämpfen. So fiel beispielsweise die Rentenerhöhung vom 1. Juli 2011 mit 0,99 Prozent erheblich niedriger aus als die durchschnittlichen Lohnsteigerungen von 3,1 Prozent im Westen und 2,55 Prozent im Osten und deckt nicht einmal die aktuelle Inflationsrate von 2,3 Prozent.

VdK-Präsidentin Ulrike Mascher („Die Altersarmut ist deutschlandweit auf dem Vormarsch“) verwies auch auf die Forderung ihres Verbands nach einer besseren rentenrechtlichen Absicherung für pflegende Angehörige, die ihre Familienmitglieder zu Hause versorgen und dafür bisher so gut wie keine Rentenansprüche erwerben. Vor allem Frauen seien dadurch „stark von Altersarmut bedroht“.

„Bauchschmerzen“ auch bei der Deutschen Rentenversicherung. Der Ausbau des Niedriglohnsektors werde die Altersarmut drastisch erhöhen und zur Existenzgefahr für alle Sozialsysteme, warnte Herbert Rische, Präsident des Rentenversicherungsträgers. Das führe dazu, „dass immer mehr Menschen immer weniger Rente haben“ Die Folge: „Wenn der Niedriglohnsektor weiter so wächst, können Sie jedes lohnbezogene Sozialsystem in die Tonne treten.“ Auch ein Mindestlohn von 8,50 Euro führe zu keiner ausreichenden Rente. Er sieht die Tarifparteien in der Pflicht, Löhne zu vereinbaren, von denen Vollzeitbeschäftigte leben könnten. Sonst landeten diese Menschen in Altersarmut, so Rische.

Dagegen geht Finanzwissenschaftler Reinhold Schnabel davon aus, dass die meisten Rentner weitere Einkünfte haben. „Den Rentner, der 45 Jahre gearbeitet, aber nie gespart hat und auch keine Betriebsrente erhält, den gibt es nicht“, sagte er. Zudem werde in Paar-Haushalten die Armutsgrenze schnell überschritten. Gegen einen Anstieg der Altersarmut spreche auch die wachsende Erwerbstätigkeit der Frauen und die Anrechnung der Erziehungszeiten.

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