Die Angst der Nachbarn

Die griechische Rechte will dem gerade erst verabredeten Sparprogramm nicht zustimmen. Allzu berechtigt war also die Skepsis der europäischen Finanzminister, die dem wenige Stunden zuvor in Athen gegebenen Sparversprechen nicht trauen wollten.

Jenseits der momentan nicht absehbaren Auswirkungen auf die Strategien zur Rettung Griechenlands lohnt ein Blick auf die Begleitgeräusche. So hat im Streit über die harten Auflagen ein rechter Regierungspolitiker in Athen Bundeskanzlerin Angela Merkel Herrschsucht vorgeworfen. „Die Europäische Union leidet unter Deutschland“, schimpft der Chef der rechten LAOS-Partei, Giorgos Karatzaferis. Das wohlhabende Land zwinge den Südeuropäern seinen Willen auf - „weil es über ein dickes Portemonnaie verfügt“. Den weiteren Schmähungen sowie der Erkenntnis, dass Griechenland nicht pleitegehen könne, soll an dieser Stelle nicht weiter nachgegangen werden, dem herbeigeredeten Bild vom hässlichen Deutschen aber schon. Denn da ist der Grieche nicht allein .

Waren das noch Zeiten, als ausgerechnet die Briten Deutschland als das beliebteste Land ausguckten - noch vor ihrem Heimatland. Das war im März 2011, sorgte hier wie dort für dicke Schlagzeilen und war nach allgemeiner Ansicht immer noch dem Fußball-Sommermärchen von 2006 geschuldet. Damals galt Deutschland den Nachbarn als Vorbild. Je mehr sich aber die Euro-Krise zugespitzt hat, desto schneller wachsen alte Ressentiments. Die werden geschürt vom Argwohn, mit dem die europäischen Nachbarn auf die Sonderkonjunktur am Standort D schauen. Mit 1 000 Milliarden Exporterlösen zum Beispiel ist die Erfolgsgeschichte des Modells „Made in Germany“ just zu dem Zeitpunkt in eine neue Dimension vorgestoßen, zu dem sich andere vergeblich mit den Krisenfolgen herumplagen.

Die stolzen Franzosen beispielsweise müssen rückläufige Ausfuhren verkraften und schauen verwundert auf die Deutschen, deren erstarkte Kanzlerin ihren Präsidenten inzwischen sogar politisch an die Hand genommen hat. Die Portugiesen warnen mit Blick auf den politischen wie ökonomischen Riesen im Norden gar vor einer Rückkehr der Kolonialzeit, wenn es Berlin überlassen würde, die europäische Krise zu managen. Das Konzept erschöpfe sich im Spardiktat und der Aushöhlung nationaler Rechte, heißt es. Auf diesem Trip war die „Daily Mail“ schon im Dezember: „Wir werden Zeugen davon, wie die Deutschen in der Wirtschaft heimlich Europa kolonisieren.“

Allenthalben wird der Wille Berlins zur Solidarität mit den Schwachen in Europa vermisst. Über die Schuldenpolitik werde die Chance zur Ausbeutung der Schwachen gesucht, echauffieren sich beispielsweise die Portugiesen. Da bricht sich ein Gefühl der Zweiteilung Europas Bahn. Auf der Liste der Reichen steht Angela Merkels Deutschland auch deshalb ganz oben, weil Lohnzurückhaltung und Agenda-Politik die Wettbewerbsfähigkeit gestärkt haben. Dass sich diese Strategie andererseits auch an mehr Armut statistisch ablesen lässt, findet gleichwohl Beachtung und führt zum Resümee: Deutschland ist das falsche Vorbild für Europa. Hinter dieser Einschätzung steckt aber eher die Angst vor einem offenbar unvermeidlichen deutsch geprägten Europa. Dabei wächst doch unter Finanzfachleuten allmählich die Skepsis, dass die Rettung Europas allein mit deutscher Hilfe und nach deutschem Vorbild gelingen kann. Solche Gedanken kann aber offenbar nur fassen, wer nicht tief im Schlamassel der Euro-Krise vor allem mit sich selbst beschäftigt ist. Europa als deutsches Protektorat? Dafür gibt es keine Anzeichen.

frank.proese@op-online.de

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