Aktienkurse in D-Mark

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Nie zuvor seit der Einführung der Gemeinschaftswährung ist das Für und Wider so oft angesprochen worden.

Offenbach - Der Euro steckt in der Krise - auch in einer Identitätskrise. „Müssen wir am Ende für ganz Deutschland zahlen?“, fragte „Bild“ dieser Tage im Hinblick auf die Irland-Krise: Von Frank Pröse

„Erst die Griechen, jetzt die Iren - und dann?“ Das Boulevardblatt mit dem schon sprichwörtlichen Gespür für Volkes Ängste und Meinungen trifft den Nagel auf den Kopf. Nie zuvor seit der Einführung der Gemeinschaftswährung ist das Für und Wider so oft angesprochen worden. Denn die Deutschen haben wieder einmal Angst, ihr Erspartes zu verlieren.

Ressentiments gegen die Gemeinschaftswährung schüren zusätzlich Reaktionen aus den Krisenländern, die Deutschland, insbesondere dessen unbeugsamer Kanzlerin, vorwerfen, ihre Krisensituation schamlos zum eigenen Vorteil auszunutzen. Aus Irland wird überliefert, dass die Deutschen zwar den Krieg verloren hätten, sich jetzt aber Europa einverleiben würden, ohne einen Schuss abfeuern zu müssen.

Das ist natürlich Quatsch. Die Vorhaltungen, die der Bundesregierung gemacht werden, bergen jedoch auch ein Körnchen Wahrheit. Ihr unabgestimmtes Vorpreschen mit vagen Ideen hat die Märkte verunsichert. Die daraus resultierende Zurückhaltung von Anlegern beim Kauf von Anleihen hat beispielsweise Irland den Rest gegeben. Deutschland steht auch deshalb nicht ganz zu Unrecht im Fokus der Kritiker, weil beispielsweise die Wankelmütigkeit Berlins die Situation in Griechenland verschärft hat.

Zweite Welle der Finanzkrise droht

Die Reaktionen belegen eindrucksvoll, dass der europäische Gedanke keineswegs so gefestigt ist, wie es Sonntagsredner immer glauben machen wollen. Und weil der Euro die Einheit erzwingen sollte, die politisch so schwer herzustellen ist, rüttelt die Krise auch am Gebäude der Europäischen Union.

Dass die Währungsgemeinschaft schon an ihrem systemischen Ende angelangt ist, wenn zwei Mitglieder dahinsiechen, ist eher unwahrscheinlich. Jetzt aber droht die zweite Welle der Finanzkrise, für die der bisher gespannte Rettungsschirm nicht auszureichen scheint. Bundesbankpräsident Axel Weber bringt eine Aufstockung der bisher bereitgestellten 750 Milliarden Euro in die Debatte ein, die sich daraufhin verselbständigt und in Sphären von bis zu 1,5 Billionen Euro schießt. Wer soll das bezahlen, zumal sich die bisher noch nicht in Haftung genommenen Finanzakrobaten schon das Gehirn zermartern, wie sie sich ein möglichst großes Stück vom größeren Kuchen abschneiden können?

Beim größten politischen und ökonomischen Projekt der Geschichte waren schon immer alle Teilnehmer auf ihren Vorteil bedacht. Es fußte in allen seinen Phasen bisher auf dem Kalkül, im Endeffekt einen Nutzen aus dem Zusammenschluss ziehen zu können. Das sollte der Euro gewährleisten, eine Gemeinschaftswährung im gemeinsamen Wirtschaftsraum bei Beibehaltung nationaler Souveränitäten. Das europäische Projekt ist aufs Geld fokussiert. Dieser Geburtsfehler wird jetzt vielleicht gewaltsam korrigiert. Es fragt sich nur, ob der Euro das überlebt...

„Stehen vor katastrophalen Zeiten“

Noch sind jene in der Mehrheit, die sagen, der Euro sei sicher. Aber immer mehr Finanzexperten haben die gemeinsame Währung abgeschrieben, weil sie keinen Vorteil in ihr erkennen. Die rechnen mit dem Ende des Euro und dem Kollaps der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU). Die zweite Welle der Finanzkrise könne der Euro „kaum verkraften“, sagen Finanzkreise in Frankfurt. Sie meinen: „Die Bundesbank sollte schon mal mit dem Drucken der neuen D-Mark beginnen.“

Prof. Hans-Werner Sinn, Chef des ifo-Instituts sagt: „Man kann nur hoffen, dass Deutschland schnell den Ausstieg (aus der EWWU) wagt. Denn wir stehen vor katastrophalen Zeiten.“ „Irland wird nicht der letzte Finanz-Gau sein. In zwei Jahren ist der Euro verschwunden“, urteilen Finanzfachleute.

Der Wirtschaftsprofessor Max Otte, dessen Buch „Der Crash kommt“ schon vor vier Jahren veröffentlicht wurde, hat sich für eine Abschaffung des Euro ausgesprochen. Der Ökonom sagte, der Euro sei gefährlich, weil verschiedene Volkswirtschaften sich nicht unter ein Währungsdach zwingen ließen. Das frühere System der festen Wechselkurse sei viel besser gewesen.

Wieder Währungsrisiken und Zollschranken

„Das Ende des Euro rückt näher“, prophezeit Prof. Wilhelm Hankel nicht ganz überraschend. Wenn er nicht verschwindet, werde er so massiv abgewertet, „dass wir uns vor Inflation nicht mehr retten können“. Es sei höchste Zeit, das Experiment zu beenden.

In der Tat galt die Euro-Zone bei ihrer Einführung als historisches Experiment mit ungewissem Ausgang. Gleiches kann man nun aber auch von den Versuchen behaupten, den gemeinsamen Währungsraum zu retten: Niemand weiß genau, wie die Märkte auf diese oder jene Maßnahme reagieren.

Das Internetportal „Börsennews“ provoziert bereits die Kehrtwende: Es zeigt die Aktienkurse in D-Mark an. Mit der Ausgabe der vertrauten Scheine würde sich Deutschland freilich isolieren. Die Wirtschaft hätte wieder mit Währungsrisiken und Zollschranken zu kämpfen, die den Exporteuren die Luft zum Atmen nähmen. Aus dem Unmut über deutsche Exporterfolge würde offene Feindschaft. Allein gegen alle muss Deutschland scheitern. Berlin hat daher alle Kraft darauf zu verwenden, die Währungsunion auf sichere Füße zu stellen. Es gilt, endlich die Hausaufgaben in Ökonomie und Steuerpolitik zu machen und endlich Vertrauen zu schaffen. Es wäre das Ende der unvollendeten Union.

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