Beschneidung von Jungen

Kommentar: Unauflösbarer Widerspruch

So überraschend die Frage der Beschneidung von muslimischen und jüdischen Jungen aufgekommen ist, so sehr scheint es, als habe die Republik ihr Sommerloch-Thema gefunden. Von Fabian El Cheikh

Und doch ist es mehr als das, zeigen doch die Diskussionen, dass diese Gesellschaft durchaus ein Problem mit diesem Eingriff hat. Um es vorwegzunehmen: Die Debatte ist bei aller unverständlichen Hysterie, die teilweise an den Tag gelegt wird, legitim und offensichtlich notwendig, genauso wie eine rechtliche Klarstellung nach dem Kölner Gerichtsurteil nun zwingend erfolgen muss.

Doch worum geht es in der Debatte wirklich? Geht es darum, dass Kindern ohne Entscheidungsfreiheit etwas weggenommen wird, das sie möglicherweise mal vermissen werden? Geht es um den Eingriff an sich, der bisweilen übertrieben als „Tortur“ und „traumatisierend“ bezeichnet und in unzulässiger Weise mit der inakzeptablen Genitalverstümmelung von Frauen als Instrument der Unterdrückung verglichen wird? Oder geht es nicht vielmehr um eine ganze andere Frage, die sich um das Selbstverständnis und das moralische Empfinden einer inzwischen weitgehend säkularisierten Gesellschaft dreht?.

Eltern dürfen ihren Kindern nicht mehr ihre Religion aufzwingen

So wurden Rufe laut, Eltern dürften ihren Kindern nicht mehr ihre Religion aufzwingen. In dieser Konsequenz müsste Christen auch die Taufe ihrer Neugeborenen untersagt werden. Solcherlei Eingriffe in die Religionsausübung wird es in Deutschland trotz der säkularen Lebensrealität vieler Deutscher kaum geben können.

Die freie Religionsausübung ist ein Grundrecht und damit unantastbar. Gleiches gilt natürlich für die körperliche Unversehrtheit von Kindern. Natürlich gibt es rationale Gründe gegen die Beschneidung von Jungen. Genauso gibt es religiöse, aber auch hygienische dafür. Argumente, die sich unversöhnlich gegenüberstehen. Ein Dilemma, dem die Politik letztlich nur durch einen gesellschaftlichen Kompromiss gerecht werden kann.

So bleibt letztlich die Frage: Wie wollen, nicht wie müssen wir mit diesem Thema umgehen? Vorschläge, die Entscheidung für oder gegen eine Beschneidung einem älter gewordenen Kind oder jungen Erwachsenen selbst zu überlassen, gehen am Selbstverständnis zahlreicher Muslime und an den religiösen Vorschriften der Juden in diesem Land vorbei.

Beschneidung als identitätstiftendes Merkmal

Weiteres zu diesem Thema finden Sie auch in dem Artikel „Eingriff muss erlaubt sein.“

Die Beschneidung von Jungen ist in beiden Weltreligionen ein wesentliches identitätsstiftendes Merkmal, das mögen Christen nachvollziehen können oder nicht. Daran zu rütteln, bedeutete eine weitere Ausgrenzung vieler Mitmenschen, die an anderer Stelle immer wieder zur Integration und Teilhabe aufgefordert werden. Auch das darf in der Debatte nicht vergessen werden. Säkularisierte Menschen sollten ihren Kampf für die Emanzipation des Individuums nicht auf dem Rücken frommer Mitbürger austragen.

Rubriklistenbild: © op

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare