Es bleibt ein Schuldspruch

Monatelang bestimmten Wolken und schwere Gewitter seine persönliche Wetterkarte. Jetzt also - so schien es gestern zunächst - eitel Sonnenschein für Jörg Kachelmann.

Doch Zweifel sind unübersehbar. Für Kachelmann bleibt das Stigma. Der Freispruch wird ihm wenig nützen, weil - wie manche sagen - doch immer etwas hängen bleibt. Das nicht-öffentliche Leben des Wettermoderators ist in allen Facetten ausgebreitet worden. Schmutzige Wäsche wurde gewaschen, auch wenn jedem Mensch das Grundrecht auf Schutz der Privatsphäre zusteht. Ihm wird es schon seit langem dämmern, dass er im Fernsehen nie mehr unbefangen seine Späße über Wind und Wetter machen wird.

Überhaupt sucht man die Fairness in diesem Spektakel vergeblich. So gibt es bereits Journalisten und „Experten“, die warnen, dass der Freispruch vielen vergewaltigten Frauen den Mut nehmen könnte, zur Polizei zu gehen. Andere behaupten sogar, Männer könnten ihrerseits das Gefühl gewinnen, eine Vergewaltigung vor allem im Rahmen einer Beziehung, sei ein „sicheres Delikt“. Eine falsche Sichtweise! Der Fall Kachelmann hat doch vor Augen geführt, dass Frauen den Weg zur Polizei nicht scheuen (dürfen). Oftmals steht aber Aussage gegen Aussage. Für die betroffenen Frauen ist es furchtbar, aber sie werden sich den Qualen eines Gerichtsverfahrens unterziehen müssen. Für die Wahrheitsfindung gibt es keine bessere Alternative im Rechtssystem.

Lob gebührt vor allem dem Gericht. Die Richter haben sich nicht beirren lassen. Justiz- oder Gewaltopfer - Gutachten und Gegengutachten schienen die jeweils passenden Argumente zu liefern. Der Erkenntnisgewinn nach mehr als 40 Verhandlungstagen besteht darin, dass die Zweifel an der Schuld, die es schon zu Beginn gab, am Schluss des Prozesses bestätigt wurden. Im Zweifel für den Angeklagten: Es konnte nur einen Freispruch geben. Auch dieser Mammutprozess hat klar gemacht, dass wir uns in der Mediengesellschaft mehr denn je vor hemmungslosen Vorverurteilungen hüten müssen. Juristen werden nun zwei wichtige Fragen beantworten müssen: Wie kann man die Rechte von Angeklagten und Klägern, die berechtigten Ansprüche der Öffentlichkeit besser zusammenbringen? Brauchen wir gar neue Gesetze?

peter.schulte-holtey@op-online.de

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