Kommentar: Wer braucht ihn noch?

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Ulrich Kaiser

Soweit ist es also gekommen: Vor dem Schloss Bellevue zeigen sie ihm ihre Verachtung auf arabische Art - mit hochgereckten Schuhen; im Internet ergießt sich Hohn und Spott über den ersten Mann im Staate. Von Ulrich Kaiser

Und die „Bild“-Zeitung, ausgerechnet, inszeniert sich im boulevardesken Gewulffe um die halbe, ganze, volle Wahrheit als seriöse Maklerin der Moral.

Nein - nicht mehr allein Christian Wulff ist beschädigt durch den Umgang mit seiner Kredit- und Medienaffäre. Inzwischen hat auch das Amt nachhaltig und womöglich irreparabel Schaden genommen. Während den aktuellen Inhaber tiefe Zweifel an seiner persönlichen Integrität belasten, könnte ihm daraus vielleicht ein historisches Verdienst erwachsen: Indem er im Rückblick als Totengräber einer überholten Institution zu betrachten wäre, deren Überflüssigkeit er vor aller Augen führte.

Überholte Institution

Denn wer benötigt schon ein solches „Staatsoberhaupt“? Einen Handlungsreisenden der Repräsentanz nebst vorzeigbarem Anhang mag Deutschland sich leisten, solange ein Politiker auf dem Abstellgleis das Außenamt verwalten darf. Selbst wenn ein Bundespräsident aber Gesetzen die Unterschrift verweigert, hat dies selten unkorrigierbare Folgen für den politischen Prozess. Dass er die Gesellschaft tatsächlich wachrütteln und anspornen könnte (wie es Ruck-Roman Herzog versuchte), ist ebenso Illusion wie die Annahme, politische Macht ließe sich von Analysen eines scharfen Verstandes (etwa Richard von Weizsäckers) wirklich beeindrucken. Wo der Präsident einst seine Berechtigung vor allem aus der Kraft des Wortes bezog, ist er höchstens noch Rufer in der Wüste. Längst ist das Amt seiner Substanz beraubt, die ihm vorsichtige Verfassungsväter in den Gründerjahren der Republik beimaßen. Seine Hohlheit wird jetzt nur offenbarer. Es ist an der Zeit, über Sinn und Ausgestaltung neu nachzudenken.

Für die von kritischen Geistern als „postdemokratisch“ ausgewiesene Epoche, in der Politik und Wirtschaft sich in unheiligen Allianzen zusammenfinden, erscheint das Phänomen Wulff indes fast wie ein Sinnbild. Wer aber braucht noch den Präsidenten der verloren gegangenen Ehre? Die Kanzlerin gewiss, die ihm unverdrossen „große Wertschätzung“ attestiert, brächte sein Rücktritt doch Schwarz-Gelb ins Trudeln. Folgerichtig darf Wulff auf das Ende des „Stahlgewitters“ hoffen. Sofern nicht noch mehr zum Vorschein kommt und das Angebot der Opposition verfängt, Merkel bei der Nachfolgersuche behilflich zu sein.

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