Frauenrechts-Expertin im Gespräch

Deutschland und seine Verantwortung

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Endstation Straßenstrich: Die meisten illegal eingeschleppten Frauen aus Osteuropa werden zur Prostitution gezwungen.

Offenbach - In der Europäischen Union werden immer mehr Menschen als Prostituierte oder Zwangsarbeiter ausgebeutet. Monika Hartenfels ist Geschäftsführerin der bundesweit tätigen Frauenhilfsorganisation „Solwodi“. Von Peter Schulte-Holtey

Sind Sie auch enttäuscht darüber, dass Deutschland - trotz der alarmierenden Tendenzen - die neue EU-Richtlinie gegen Menschenhandel noch nicht umgesetzt hat?

Ich bin gleichermaßen enttäuscht wie zutiefst empört. Deutschland hat es verpasst, das richtige Signal zu senden: mehr Rechte und Schutz für die Opfer von Menschenhandel statt immer nur davon zu reden, man müsste ... Es ist einfach unfassbar, dass ausgerechnet wir die Richtlinie nicht umsetzen. Gelten Menschenrechte nicht auch für die Schutzwürdigsten unserer Gesellschaft? Betroffen vom Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung sind überwiegend Frauen und junge Mädchen, die von skrupellosen Menschenhändlern psychisch, physisch und nicht zuletzt finanziell ausgebeutet werden. Gleichberechtigung? Davon können sie nur träumen – unsere im Grundgesetz verankerten Rechte gelten aber auch für sie. Und ich sage, wer hier bei uns ausgebeutet wird, wem hier bei uns Unrecht geschieht, der sollte vom Staat, von unserer Gesellschaft auch Wiedergutmachung und Gerechtigkeit erfahren. Es ist nicht hinzunehmen, dass sich die Bundesrepublik hier ihrer Verantwortung entzieht.

Immer noch werden Tausende ausländischer Frauen, die bei Razzien in Bordellen aufgegriffen werden, abgeschoben, ohne als Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution erkannt worden zu sein. Was muss sich in Deutschland ändern?

Es müssen Zusammenhänge erkannt werden und auch die

Monika Hartenfels

Blickrichtung sollte sich ändern: Verbesserte Täterermittlung und Abschreckung durch verschärftes Strafrecht ist auch Opferschutz. Zudem: Die sogenannten Freier sollten in die Verantwortung genommen werden, denn ohne Nachfrage, kein Angebot. Der Zusammenhang zwischen dem liberalsten Prostitutionsgesetz und zunehmendem Menschenhandel zum Zwecke sexueller Ausbeutung wird leider oft negiert. Es war das falsche gesellschaftspolitische Signal. Das Gesetz ist nicht schuld, aber es signalisierte: Sex und Frauen zu kaufen ist in Ordnung, ist erlaubt, ist damit gesellschaftsfähig. Ein Rückschritt bei den Bestrebungen nach Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und damit nicht hinnehmbar. Vor allem aber auch müssen wir weiter auf dem Weg der Sensibilisierung und Weiterbildung gehen: Noch immer wissen zu wenige Mitarbeiter von Polizei, Ausländerbehörden und anderen Kontrollbehörden, woran und wie sie potentielle Menschenhandelsopfer erkennen. Noch immer werden bei Razzien in Bordellen aufgegriffene Frauen und junge Mädchen ohne Papiere in Asylunterkünfte verbracht, statt in Schutzunterkünfte von Solwodi oder anderen Fachberatungsstellen, wo sie qualifiziert betreut werden können. Wir von Solwodi fordern schon lange, an jeder Kontrolle und Razzia im Mileu beteiligt zu werden, um so Vertrauen zu den Frauen aufbauen zu können. In vielen Bundesländern klappt das ausgezeichnet, aber noch nicht überall.

Wenn Sie auf die vergangenen beiden Jahre zurückblicken: Hat sich beim Blick auf den Menschenhandel in Deutschland die Situation verbessert?

Wie gesagt, in vielen Bundesländern klappt die Zusammenarbeit zwischen Polizei, Behörden und Solwodi hervorragend. Noch immer aber ist die finanzielle Ausstattung der Fachberatungsstellen und Schutzunterkünfte nicht ausreichend. Weder die Alimentierung der Betroffenen ist ausreichend, noch bestehen ausreichende Möglichkeiten dringend benötigter Psychotherapie. Wir fordern auch ein Bleiberecht für die Opfer ungeachtet einer vor Gericht verwertbaren Aussage. Diese können die Frauen oft nicht liefern, selbst wenn sie wollten. Zudem haben Sie oft Todesängste, und reden auch aus Angst um ihre Angehörigen im Heimatland nicht.

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